Das Alleinstellungsmerkmal ist enorm. Alles ist hier anders, alles ist… nun eben nicht neu, sondern uralt. Die gewagte Stummfilmästhetik macht den Film zum singulären Ereignis, und in der Nostalgie, die hier beschworen wird, liegt natürlich ein wichtiger Gründe für den Erfolg, der THE ARTISTwomöglich sogar den Oscar bringen könnte. Dennoch erzählt der Film eine einfache Geschichte, und zwar eine, die – wie immer, wenn Stories besonders gut ankommen – auf eine sehr plastische, dialektische Zugehörigkeitsthematik zurück zu führen ist.
Der Trailer zu THE ARTIST:
Auf der einen Seite steht die untergehende Welt des Stummfilms, wo George Valentin (Jean Dujardin) der unumschränkte Star ist. Auf der anderen Seite beginnt der revolutionäre Tonfilm seinen Siegeszug und verhilft ganz anderen Talenten zur Entfaltung. Dieser unvereinbare Gegensatz hält die Story in Gang. Der Tonfilm verändert nicht nur die Technik des Filmemachens, sondern vor allem auch die Ästhetik, also das künstlerische Ethos. George will davon nichts wissen und den alten Idealen treu bleiben. Welt und Gegenwelt werden von beiden Protagonisten diametral repräsentiert. Dadurch sind die Voraussetzungen sehr gut.
In der Frage nach der Treue zu sich selbst (”Will ich mich anpassen und mit der Zeit gehen, oder mich der Veränderung verweigern?”) liegt eine universelle Grundspannung, die jeder kennt. Wer alten Idealen treu bleibt, kann leicht untergehen. Daher ist es auch leicht, sich mit George zu identifizieren. Sein Festhalten an alten Wertmaßstäben ist für seinen Abstieg verantwortlich. Das ist nicht schön, aber man kann ihn gut verstehen.
Gleichzeitig erzählt der Film jedoch auch die gegensätzlich gelagerte Geschichte von Peppy Miller (Bérénice Bejo), die ihre Karriere beim neuen Medium des Tonfilms ganz unmittelbar George verdankt. Auf dieser Ebene wird das Thema “Geben und Nehmen” stark bespielt. Die Beziehung zwischen Pippa und George ist eine unerfüllte Liebe, die auf ganz konkreten gegenseitigen Beiträgen und Hilfeleistungen beruht. Pippas Engagement für ihren früheren Mentor ist angesichts dessen, was er einst für sie getan hat, vollkommen gerechtfertigt.
Den vielleicht stärksten Aspekt des ‘human factor’ bringt aber womöglich das Hündchen mit ein. Denn ohne die Treue des Tiers zu seinem Herrchen hätte die Karriere von George bitterlich in einem Flammenmeer geendet. Gerade das “süße” Hündchen verhilft zu dem Wohlfühl-Charakter, der dem Film auf der ganzen Welt die Türen öffnet.
Aus der scheinbar unvereinbaren Dialektik findet die Story dann zu einer überraschenden Synthese, die sowohl das Paar George-Peppi zusammen bringt als auch dem Ex-Star zu neuen Entfaltungsmöglichkeiten verhilft. Ein Ende, wie es kaum wunscherfüllender sein könnte.
Selbstverständlich sind diese dramaturgischen Fragen allein noch nicht spielentscheidend. Selbstverständlich lebt “The Artist” auch von dem Mut, sich längst vergessener Ausdrucksformen zu bedienen, vom Spiel mit dem Schwarzweiß und ästhetischen Einfällen, die im heutigen “normalen” Kino unmöglich wären. Aber es ist einmal mehr kein Zufall, dass unter der Oberfläche eine Geschichte liegt, die dem “Publikumsvertrag” vollständig entspricht.
Nicht verschweigen darf man, dass gerade diese vollständige Erfüllung der sozial bedingten Publikumswünsche dem Film auch etwas Harmlos-Heiteres, nicht allzu Relevantes verleiht, das nicht jedermanns Sache zu sein braucht.
THE ARTIST
Frankreich 2011
Buch und Regie: Michel Hazanavicius
Darsteller:
Jean Dujardin
Bérénice Bejo
John Goodman
Malcolm McDowell
Missi Pyle
James Cromwell
Penelope Ann Miller
Jen Lilley
Bitsie Tulloch
u.v.a.
THE ARTIST kommt ohne Stars aus. Weder die Schauspieler noch Regisseur haben internationale Erfolge vorzuweisen (wenn man von John Goodman absieht). Dafür eilt dem Film ein einmalig positiver Ruf voraus. Der “Must see”-Effekt ist hier sicherlich ausschlaggebend.
Darunter muss man allerdings sehen, dass THE ARTIST dann eben doch einen empfindlichen Bruch mit den Erzählkonventionen darstellt, extrem langsam rhythmisiert ist und nie wirklich tragische Dimensionen erreicht. Dadurch wird ein Publikum, das “Substanzielleres” sucht, dann doch abgeschreckt.
Für den deutschen Markterfolg wird entscheidend sein, wie stark die Stummfilm-Nostalgie das Publikum tatsächlich elektrisiert. Hier dürften sich die Menschen in den USA viel begeisterter zeigen. In Deutschland hat ja die Tradition des Stummfilmkinos nie wirklich abgerissen, daher ist der Überraschungseffekt fürs Publikum geringer. Daher ist es gut möglich, dass THE ARTIST zwar auch hierzulande auf ein reges Interesse stößt, aber eben doch nur bei einem relativ begrenzten (= nostalgiesüchtigen) Segment des Zuschauerspektrums. Diese Einschränkung dürfte dazu führen, dass der allenthalben überschwänglich besprochene Film am Ende vielleicht doch “nur” 250.000-300.000 Zuschauer finden könnte. Was für ein gewagtes Unternehmen wie dieses immer noch einen Triumph darstellt.
Bitte nicht vergessen: “Prognosen sind schwer, vor allem für die Zukunft” (K.Valentin)[/B]
Dramaturgie-und Markteinschätzung: Roland Zag
Anmerkung zu dieser Besprechung:
Der Publikumsvertrag
Drehbuch, Emotion und der »human factor«