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Familie und andere Angelegenheiten

HOT!
THE DESCENDANTS

Sonntag - 05. Februar 2012 - 15:38

Streng genommen erzählt der Film eine Geschichte von unsäglicher Traurigkeit, beinahe ein “Feelbad-Movie” der Sonderklasse. Immerhin muss der Zuschauer fast über die gesamte Strecke des Films immer wieder auf die im Koma liegende, dem Tod entgegensiechende Miene der schwer verunfallten Elizabeth (Patricia Hastie) sehen. Doch indem der Film auf Hawaii spielt, einem der Urlaubs-Paradiese par excellence, und die Inszenierung dem schweren Drama immer wieder auch leichte Töne entlockt, balanciert der Film auf einem schmalen Grat, der ihm das Alleinstellungsmerkmal verschafft. Wenn es das Genre “Tragikomödie” nicht schon gäbe, müsste man es für THE DESCENDANTS neu erfinden.



Der Trailer zu THE DESCENDANTS:




Aus dem schneidenden Gegensatz zwischen einem sehr irdischen, von Konflikten durchsetzten Lebensgefühl und schwerer Todesnähe schöpft der Film sein Thema. Das Gesicht der komatös siechenden Frau, über die wir eine Menge erfahren, die aber nie mehr Stellung nehmen kann, bildet eine Art “Memento Mori”. Haben vor dem Angesicht des Todes nicht alle Vorwürfe zu verstummen? Wie sehr haben all die Anklagen und Konfliktherde, die uns das Leben im Allgemeinen und die Story des Films im Besonderen aufzwingt, vor dem Tod Bestand?

Praktisch alle Beteiligten des Films, der Ehemann Matthew (George Clooney), die Töchter Alexandra (Shailene Woodley) und Scottie (Amara Miller) sowie der Geliebte und dessen Frau haben schwere Vorwürfe gegen Elizabeth zu erheben. Das soziale Umfeld, das sie hinterlässt, ist hochdramatisch gespannt, denn Matthew erfährt erst jetzt, dass Elizabeth ihn betrogen hat. Die Welt, die “The Descendants” beschreibt, ist voller Wut und Trauer. Und doch: vor dem Angesicht des Todes relativiert sich der Blick. Vieles, was unverzeihlich wirkte, verliert sein Gewicht. Anderes wird wichtiger.

So wächst etwa im Lauf der Film Vater Matthew mit seinen widerspenstigen Töchtern zunehmend zusammen. Das Gemeinschaftsgefühl, das sich in der trauernden Rumpffamilie einstellt, bringt auf der zwischenmenschlichen Ebene den größten Ertrag. Die vormals zornige Alexandra rückt in dem Moment, wo sie mit dem abgelehnten Vater kooperieren muss, immer näher. Auch die kleine, verwirrte Scottie findet zurück in die Familie. Der soziale Zuwachs ist also stark spürbar und hilft dem Zuschauer, mit manchen Zumutungen fertig zu werden. Als sich am Ende sogar die betrogene Frau des feigen Ex-Geliebten am Totenbett einfindet, erweitert sich der Kreis noch zusätzlich.

Eine zweite sehr wichtige Ebene schlägt der Film an, indem er das Thema “soziale Relevanz” ins Spiel bringt. Matthew und seine Familie sind drauf und dran, eine gewaltige, paradiesisch schöne Landschaft an Investoren zu verscherbeln. Nichts anderes als landschaftliche Zerstörung wird die Folge sein. Im letzten Augenblick verweigert sich Matthew diesem Deal – und erfüllt so die starke Erwartung des Publikums. Es ist klar, dass dieser Verkauf nicht nur für die Landschaft, sondern auch die dort lebenden Menschen eine Katastrophe dargestellt hätte. Man kann hier einmal mehr studieren, dass Geld im erzählerischen Kontext zumeist negativ besetzt ist. Treue zu sich selbst steht viel höher im Kurs.

So bringt THE DESCENDANTS das Kunststück fertig, eine todtraurige Geschichte zu erzählen, und dennoch viele Publikumswünsche zu stimulieren und auch einzulösen. Die Mischung aus existenzieller Schwere und dennoch befriedigender, immer wieder auch leicht verdaulicher Komödie dürfte für ein sehr großes, quer durchs Alters-Spektrum gehendes Publikumsinteresse sorgen. Einschränkend wäre höchstens zu sagen, dass die von George Clooney gespielte Figur – etwa im direkten Vergleich mit dem entfernt ähnlichen AMERICAN BEAUTY nicht allzu viel Tiefe und Attraktivität ausstrahlt.

THE DESCENDANTS
The Descendants - Familie und andere Angelegenheiten
Originaltitel: The Descendants
USA 2011

Regie: Alexander Payne
Drehbuch: Nat Faxon, Jim Rash
Darsteller:
George Clooney
Judy Greer
Matthew Lillard
Shailene Woodley
Beau Bridges
Robert Forster
u.v.a.
Fotos © Twentieth Century Fox of Germany GmbH


MARKTEINSCHÄTZUNG

Die Voraussetzungen sind in vieler Hinsicht prächtig. Das attraktive Setting „Hawaii“ mildert die Hemmschwelle gegenüber dem schweren Thema. George Clooney ist nicht nur die Stil-und Schönheitsikone der Gegenwart, sondern auch ein zunehmend ernsthafter Schauspieler, der hier sein Spektrum beträchtlich erweitert. Alexander Payne hat im Wohlfühl-Arthouse-Segment bereits zwei publikumsstarke Filme hingelegt (ABOUT SCHMIDT, 630.000 in 2003, und SIDEWAYS, 400.000 in 2005).

THE DESCENDANTS darf als ein entfernter Verwandter von AMERICAN BEAUTY angesehen werden, dem absoluten Spitzenreiter des Genres von 1999. Beide Filme stellen Fragen, die ein sehr breites Publikum interessieren und berühren können, wobei THE DESCENDANTS dann doch in Hinblick auf die Plastizität der Hauptfiguren nicht ganz mithalten kann. Dennoch: an den Erfolg von ABOUT SCHMIDT wird der neue Film von Alexander Payne nach unserer Überzeugung sicher heranreichen, ja ihn vermutlich übertreffen. Ein Ergebnis um die 800.000 scheint uns möglich.


Dramaturgie-und Markteinschätzung: Roland Zag


Anmerkung zu dieser Besprechung:

Der Publikumsvertrag
Drehbuch, Emotion und der »human factor«

2., überarbeitete Auflage
2010, 200 Seiten, br.
ISSN 1617-951X5

Im Zentrum des Interesses steht die Analyse der zwischenmenschlichen Verhältnisse - Es handelt sich bei unseren Besprechungen NICHT um Filmkritiken
.


Quelle: the-human-factor.de



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