15 Besucher online
 
unabhängig - kritisch - jung
 

Allgemein
Charts
Kurzfilm
Filmschule
Filmförderung
Gewinnspiele
Produktionsnews
Produktions-Tipps
Fernsehen
Filmfestival
Filmpreise
Neu im Kino
Interview
TV-Tipp
Leute
DVD
DVD-Tipp

Kleinanzeigen

Teilen
Home | Neu im Kino

Frau mit ideellen Bindungen

HOT!
DIE EISERNE LADY (THE IRON LADY)

Sonntag - 18. März 2012 - 21:45

Der Film folgt jenem Erzähltypus, der sich vornimmt, ein ganzes Leben zu erzählen (wie etwa auch WALK THE LINE, LA VIE EN ROSE, J.EDGAR oder HILDE). Andere Biopics wie CAPOTE oder THE KING'S SPEECH beschränken sich dagegen auf die Beschreibung ganz präzis abgegrenzter Episoden aus dem Leben Prominenter. Generell ist es – wie im vorliegenden Fall – für den Drehbuchautoren sehr schwer, einen Zugang zu einer Biografie zu finden, wenn sich hier keine klare dramatische Storyline findet. Man muss zu Hilfskonstruktionen greifen.


Der Trailer zu THE IRON LADY



Die Autorin hat sich in diesem Fall entschlossen, die zunehmend dement gewordene Greisin in den Mittelpunkt der dramaturgischen Anlage zu stellen. Die einzelnen Episoden aus dem Leben der Politikerin werden assoziativ und achronologisch abgerufen, wie sich dies in einem vergesslich gewordenen Gehirn abspielen mag. Vor allem aber – und hier liegt der entscheidende Vorteil des gewählten Kunstgriffs – hat man sich darauf konzentriert, die "Beziehung" von Margret zu ihrem längst verstorbenen Ehemann in den Mittelpunkt zu stellen. Denis (Jim Broadbent) sucht Margret (Meryl Streep) immer wieder in ihrer Einbildung heim. Dadurch entsteht das Bild einer langjährigen, weitgehend loyalen Partnerschaft. Das streng genommen wenig dramatische Leben der Protagonistin wird mit der Bindungsenergie dieser Partnerschaft gleichsam umhüllt und emotional aufgeladen.

Gleichzeitig steckt in der Schilderung dieser Ehe auch der ( letztlich recht milde) Grundantagonismus des Films. Denn der grundlegende Wertekonflikt verläuft zwischen der zu allem entschlossenen, prinzipientreuen Margret einerseits – und praktisch allen Männern um sie her, die, wie Denis, kompromissbereit, schwächlich und aus ihrer Sicht viel zu weich agieren. Männer sind Margrets Augen liebe, aber rückgratlose Taktierer. Sie allein weiß, wos lang geht.

Margret, das wird sehr deutlich, ist eine Frau mit ideellen Bindungen. Das Drehbuch gibt sich wenig Mühe, zu zeigen, "woran" sie glaubt. Politische Details fehlen fast völlig. Aber es ist klar, "dass" sie eine innere Überzeugung hat, der sie folgt, komme, was da wolle. Und damit haben wir die vorherrschende Qualität dieses Charakters benannt: die Treue zu sich selbst. Auf diesem Gebiet einer unerbittlichen Prinzipientreue ist die Protagonistin nicht zu schlagen, während die Welt um sie herum stets nur zu halbherzigen Lösungen bereit scheint. Somit sind wichtige emotionale Voraussetzungen erfüllt: die Beziehung und der Konflikt. Damit kann eigentlich nichts mehr schief gehen.

Vor diesem grundsätzlich günstigen Hintergrund fällt es nicht allzu sehr ins Gewicht, dass der Charakter sich letztlich kaum entwickelt. Margret bleibt bis zum Schluss diejenige, die sie immer war. Auch an echten dramatischen Entscheidungssituationen ist der Film nicht allzu reich. Da gibt es einmal den brachialen Entschluss, im Fall der Annektion der Falkland-Inseln mit Krieg zu antworten. Und dann ganz spät die Einsicht, dass es Zeit ist, abzutreten. Wirklich dramatische Dilemmata sind beide Fälle nicht, und damit ist klar, dass DIE EISERNE LADY eher eine Charakterstudie ist als ein zielgerichtet dramatisch erzählter Drei-Akter klassischer Prägung.

Rein dramaturgisch braucht man das nicht als starken Nachteil zu bewerten. Doch im direkten Vergleich etwa mit einem Film wie THE QUEEN fallen dann – zumal aus deutscher Sicht – die Defizite doch ins Gewicht. Denn anders als im Film von Stephen Frears, der glasklar auf eine bestimmte Entscheidung zuläuft und mit der “Königin der Herzen”, Lady Diana, auch eine emotional hoch aufgeladene verborgene Hauptfigur auffährt, was zu wirklich berührenden Szenen führt, ist DIE EISERNE LADY an echter Emotionalität doch eher arm. So sehr man die alte Dame in ihrem Mut und ihrer Entschlossenheit bewundern mag – wirklich starke Elemente des ‘human factor’ – also Szenen, in denen die Bindung und Loyalität zu starken Konflikten führt – sind doch eher rar.

Von der Frage, wie sehr man die politischen Überzeugungen von Margret Thatcher teilt, ganz abgesehen- den Erfolg des Films gerade aus deutscher Sicht (wo einem Kriege um Inseln vor Patagonien eher gleichgültig sind) wird man als durchaus denkbar, aber nicht als durchschlagend erwarten können.

Die Eiserne Lady
(The Iron Lady)
Großbritannien 2011

Regie: Phyllida Lloyd
Drehbuch: Abi Morgan
Bildgestaltung: Elliot Davis

Darsteller: Meryl Streep, Jim Broadbent, Anthony Head, Richard E. Grant, Roger Allam, Olivia Colman, Alexandra Roach, Michael Pennington, David Westhead u.v.a.
Fotos: © Concorde


MARKTEINSCHÄTZUNG

Neben den dramaturgischen Qualitäten gibt es natürlich EIN schlagendes Argument: die Oscar-gekrönte Weltklasseleistung von Meryl Streep. Egal, wie man zu dem Film und seiner künstlerischen Ausbeute stehen mag – Meryl Streep leistet schier Unglaubliches. Dieser Aspekt wird natürlich für starke Zuschauerzahlen sprechen. Andere äußere Faktoren allerdings fehlen weitgehend.

Ansonsten aber darf man sich von Seiten eines jüngeren Publikums nicht allzu viel Interesse erwarten, schon gar nicht vom männlichen Teil. Insofern kommt es bei der Mundpropaganda dann doch auf die wirklich emotional begründeten Qualitäten an. Und diese sind, wie oben gezeigt, im direkten Vergleich zu einem Film wie THE QUEEN (geschweige denn THE KING'S SPEECH) dann eben doch begrenzt zu sehen. Insofern wird man von guten, aber nicht hervorragenden Zahlen ausgehen dürfen. Konkret bedeutet das, dass DIE EISERNE LADY aus unserer Sicht auf vielleicht 450.000 bis 500.000 Zuschauer am deutschen Markt kommen könnte.


Bitte nicht vergessen: “Prognosen sind schwer, vor allem für die Zukunft” (K.Valentin)

Dramaturgie-und Markteinschätzung: Roland Zag


Anmerkung zu dieser Besprechung:

Der Publikumsvertrag
Drehbuch, Emotion und der »human factor«

2., überarbeitete Auflage
2010, 200 Seiten, br.
ISSN 1617-951X5

Im Zentrum des Interesses steht die Analyse der zwischenmenschlichen Verhältnisse - Es handelt sich bei unseren Besprechungen NICHT um Filmkritiken
.


Quelle: the-human-factor.de



Hits: 8769

» Druckversion zeigen

Weitere News zu diesem Thema:
» Dauer-Feuerwerk der Effekte
» Spock weint…(!)
» Visuell eindrucksvoll konzipiertes Vexierspiel
» Tour de Force eines brillant ausgedachten Plots
» Nicht irgendein Film, sondern im Arthouse-Markt durchaus ein Ereignis
» Alle sind am Ende einsamer denn je
» Eine Katharsis ist hier nicht angestrebt
» Direkt und ohne Umschweife auf die großen Gefühle
» Eine anarchisch-durchgeknallte, sinnfreie Spielerei
» Das Verbrechen an Natascha Kampusch







Weitere Meldungen:

» Der Kinobesucher 2012- 19.06.2013
» 7 x BW + 1 x W- 13.06.2013
» Vogelzug und Blasmusik- 11.06.2013
» Auf ein Neues- 11.06.2013
» Starke Frauen, Starke Filme- 11.06.2013
» Abschluss mit Goldkante- 11.06.2013
» Jetzt Filme einreichen- 10.06.2013
» Preisverleihung in Frankfurt- 10.06.2013
» Historische Rekordquote in ...- 07.06.2013
» Geschichten über das Leben,...- 06.06.2013
» Ehrenpreis für Michael Caine- 05.06.2013
» Tag der offenen Tür an der ifs- 05.06.2013
» Rüsselsheimer Filmtage werd...- 05.06.2013
» Dauer-Feuerwerk der Effekte- 04.06.2013
» Frankfurt wird pink!- 04.06.2013
» "Das Haus der Krokodile" ge...- 04.06.2013
» Rennen, Tanzen, Gehen- 03.06.2013
» DFFB-Studentin gewinnt Prix...- 24.05.2013
» Spock weint…(!)- 20.05.2013
» Visuell eindrucksvoll konzi...- 20.05.2013
» Tour de Force eines brillan...- 20.05.2013
» Blaue Panther vergeben- 18.05.2013
» Beziehung auf der Kippe- 14.05.2013
» Nicht irgendein Film, sonde...- 14.05.2013
» Familiäres, Heiteres und ei...- 13.05.2013
» Junge Komponisten gesucht!- 13.05.2013
» Von Chile bis Marienborn- 13.05.2013
» Andreas Dresen ist neuer St...- 12.05.2013
» Filmemacher zwischen 4 und ...- 12.05.2013
» Die Preisträger von Oberha...- 12.05.2013
» Die Männer halten zusammen....- 01.05.2013
» Bayern fördert mit 6,8 Mio ...- 29.04.2013
» Hollywood in Stuttgart- 29.04.2013
» Deutsche Filmpreise sind ve...- 26.04.2013
» Ausnahme vom geplanten Frei...- 25.04.2013
 
 

© filmzeitung.de 1999 - 2012 | Impressum