Der Film folgt jenem Erzähltypus, der sich vornimmt, ein ganzes Leben zu erzählen (wie etwa auch WALK THE LINE, LA VIE EN ROSE, J.EDGAR oder HILDE). Andere Biopics wie CAPOTE oder THE KING'S SPEECH beschränken sich dagegen auf die Beschreibung ganz präzis abgegrenzter Episoden aus dem Leben Prominenter. Generell ist es – wie im vorliegenden Fall – für den Drehbuchautoren sehr schwer, einen Zugang zu einer Biografie zu finden, wenn sich hier keine klare dramatische Storyline findet. Man muss zu Hilfskonstruktionen greifen.
Der Trailer zu THE IRON LADY
Die Autorin hat sich in diesem Fall entschlossen, die zunehmend dement gewordene Greisin in den Mittelpunkt der dramaturgischen Anlage zu stellen. Die einzelnen Episoden aus dem Leben der Politikerin werden assoziativ und achronologisch abgerufen, wie sich dies in einem vergesslich gewordenen Gehirn abspielen mag. Vor allem aber – und hier liegt der entscheidende Vorteil des gewählten Kunstgriffs – hat man sich darauf konzentriert, die "Beziehung" von Margret zu ihrem längst verstorbenen Ehemann in den Mittelpunkt zu stellen. Denis (Jim Broadbent) sucht Margret (Meryl Streep) immer wieder in ihrer Einbildung heim. Dadurch entsteht das Bild einer langjährigen, weitgehend loyalen Partnerschaft. Das streng genommen wenig dramatische Leben der Protagonistin wird mit der Bindungsenergie dieser Partnerschaft gleichsam umhüllt und emotional aufgeladen.
Gleichzeitig steckt in der Schilderung dieser Ehe auch der ( letztlich recht milde) Grundantagonismus des Films. Denn der grundlegende Wertekonflikt verläuft zwischen der zu allem entschlossenen, prinzipientreuen Margret einerseits – und praktisch allen Männern um sie her, die, wie Denis, kompromissbereit, schwächlich und aus ihrer Sicht viel zu weich agieren. Männer sind Margrets Augen liebe, aber rückgratlose Taktierer. Sie allein weiß, wos lang geht.
Margret, das wird sehr deutlich, ist eine Frau mit ideellen Bindungen. Das Drehbuch gibt sich wenig Mühe, zu zeigen, "woran" sie glaubt. Politische Details fehlen fast völlig. Aber es ist klar, "dass" sie eine innere Überzeugung hat, der sie folgt, komme, was da wolle. Und damit haben wir die vorherrschende Qualität dieses Charakters benannt: die Treue zu sich selbst. Auf diesem Gebiet einer unerbittlichen Prinzipientreue ist die Protagonistin nicht zu schlagen, während die Welt um sie herum stets nur zu halbherzigen Lösungen bereit scheint. Somit sind wichtige emotionale Voraussetzungen erfüllt: die Beziehung und der Konflikt. Damit kann eigentlich nichts mehr schief gehen.
Vor diesem grundsätzlich günstigen Hintergrund fällt es nicht allzu sehr ins Gewicht, dass der Charakter sich letztlich kaum entwickelt. Margret bleibt bis zum Schluss diejenige, die sie immer war. Auch an echten dramatischen Entscheidungssituationen ist der Film nicht allzu reich. Da gibt es einmal den brachialen Entschluss, im Fall der Annektion der Falkland-Inseln mit Krieg zu antworten. Und dann ganz spät die Einsicht, dass es Zeit ist, abzutreten. Wirklich dramatische Dilemmata sind beide Fälle nicht, und damit ist klar, dass DIE EISERNE LADY eher eine Charakterstudie ist als ein zielgerichtet dramatisch erzählter Drei-Akter klassischer Prägung.
Rein dramaturgisch braucht man das nicht als starken Nachteil zu bewerten. Doch im direkten Vergleich etwa mit einem Film wie THE QUEEN fallen dann – zumal aus deutscher Sicht – die Defizite doch ins Gewicht. Denn anders als im Film von Stephen Frears, der glasklar auf eine bestimmte Entscheidung zuläuft und mit der “Königin der Herzen”, Lady Diana, auch eine emotional hoch aufgeladene verborgene Hauptfigur auffährt, was zu wirklich berührenden Szenen führt, ist DIE EISERNE LADY an echter Emotionalität doch eher arm. So sehr man die alte Dame in ihrem Mut und ihrer Entschlossenheit bewundern mag – wirklich starke Elemente des ‘human factor’ – also Szenen, in denen die Bindung und Loyalität zu starken Konflikten führt – sind doch eher rar.
Von der Frage, wie sehr man die politischen Überzeugungen von Margret Thatcher teilt, ganz abgesehen- den Erfolg des Films gerade aus deutscher Sicht (wo einem Kriege um Inseln vor Patagonien eher gleichgültig sind) wird man als durchaus denkbar, aber nicht als durchschlagend erwarten können.
Die Eiserne Lady
(The Iron Lady)
Großbritannien 2011
Regie: Phyllida Lloyd
Drehbuch: Abi Morgan
Bildgestaltung: Elliot Davis
Darsteller: Meryl Streep, Jim Broadbent, Anthony Head, Richard E. Grant, Roger Allam, Olivia Colman, Alexandra Roach, Michael Pennington, David Westhead u.v.a.
Neben den dramaturgischen Qualitäten gibt es natürlich EIN schlagendes Argument: die Oscar-gekrönte Weltklasseleistung von Meryl Streep. Egal, wie man zu dem Film und seiner künstlerischen Ausbeute stehen mag – Meryl Streep leistet schier Unglaubliches. Dieser Aspekt wird natürlich für starke Zuschauerzahlen sprechen. Andere äußere Faktoren allerdings fehlen weitgehend.
Ansonsten aber darf man sich von Seiten eines jüngeren Publikums nicht allzu viel Interesse erwarten, schon gar nicht vom männlichen Teil. Insofern kommt es bei der Mundpropaganda dann doch auf die wirklich emotional begründeten Qualitäten an. Und diese sind, wie oben gezeigt, im direkten Vergleich zu einem Film wie THE QUEEN (geschweige denn THE KING'S SPEECH) dann eben doch begrenzt zu sehen. Insofern wird man von guten, aber nicht hervorragenden Zahlen ausgehen dürfen. Konkret bedeutet das, dass DIE EISERNE LADY aus unserer Sicht auf vielleicht 450.000 bis 500.000 Zuschauer am deutschen Markt kommen könnte.
Bitte nicht vergessen: “Prognosen sind schwer, vor allem für die Zukunft” (K.Valentin)
Dramaturgie-und Markteinschätzung: Roland Zag
Anmerkung zu dieser Besprechung:
Der Publikumsvertrag
Drehbuch, Emotion und der »human factor«