Um den Erfolg des Films zu verstehen, muss man auf die Buchreihe zu sprechen kommen. Der Trilogie von Suzanne Collins, einer Mischung aus GLADIATOR und THE TRUMAN SHOW sowie vielen anderen Versatzstücken wurde vielfach die Originalität abgesprochen. Doch um die originäre Kraft der Erfindung geht es wohl nicht in erster Linie. Wichtiger ist die innere Verbindung mit dem Zeitgeist. DIE TRIBUTE VON PANEM schildert eine Welt, in der ein übermächtiges System junge Menschen dazu zwingt, zynische, menschenverachtende und tödliche Spiele mitzuspielen, die als Unterhaltungsshow Einschaltquoten generieren, vor allem aber als Einschüchterung dienen. Altrömische Gladiatorenkämpfe werden mit modernen Superstar- und Dschungelshows kurzgeschlossen, aber zu tödlicher Konsequenz getrieben.
DEr Trailer zu DIE TRIBUTE VON PANEM:
Darin kann man getrost eine sehr akkurate Beschreibung eines Lebensgefühls sehen, das sich in jungen Menschen von heute zwangsläufig entwickelt. Die zunehmende Vereinheitlichung aller Lebensformen der heutigen Zeit entartet tatsächlich zum “System”, das nach eigenen Gesetzen regiert und unveränderbar erscheint. Finanzmärkte, Medien, Internet – sie alle entwickeln eine Eigendynamik, die kaum Gestaltungsspielraum lässt. Die Welt wird enger, der Kampf um die begehrten Plätze härter, der Versuch, einen eigenen Ort zu finden, gleicht der “Reise nach Jerusalem”.
Konkrete Pläne zur Veränderung und Verbesserung der Welt werden immer schwerer. Man kann nur mitspielen oder sich verweigern. Für Visionen und eigene Träume jenseits der großen Masse bleibt kaum Platz.
Genau diese Situation beschreibt die Romantrilogie von Suzanne Collins. DIE TRIBUTE VON PANEM ist eine akkurate Übersetzung eines bestimmten Ohnmachts-Gefühls angesichts der Jetztzeit in eine konkrete Story. So spannend die Bücher auch sein mögen: ihre Durchschlagskraft verdanken sie dem Subtext, der DIE TRIBUTE VON PANEM als Gleichnis auf eine scheinbar zynische, unmenschliche und nicht veränderbare Gegenwart sieht. Das Gefühl, als junger Mensch nur Kanonenfutter für ein System zu dienen, das von fremder Macht gesteuert wird, ist übermächtig.
Vor diesem Hintergrund ist es nicht wirklich wichtig, wie genau der Film sich die komplexe Handlung des Romans aneignet. Die Verfilmung hat in erster Linie die Aufgabe, einen Inhalt, den vermutlich viele Kinogänger bereits im Vorfeld kennen, möglichst knackig auf 120 Minuten einzudampfen. Dass der jetzige Kinofilm nur ein erster Teil und damit keinesfalls in sich gerundet sein kann, ist vermutlich jedem Kinogänger des Zielpublikums klar. Insofern muss man den vorliegenden Film im Kontext der Trilogie sehen.
Das übergeordnete dramaturgische Thema ist sehr klar. ”Sich verweigern oder mitspielen”? – so lautet die Frage, die sich Katniss (Jennifer Lawrence) beständig stellt. Ihre Abscheu vor den Spielen, in die sie gezwungen wird, ist identisch mit der des Zuschauers. Selbstverständlich rumoren im Publikum Wut und Empörung über das System des Kapitols. Die Wunschentwicklung geht ganz klar in Richtung Verweigerung. Man wartet darauf, dass Katniss und/oder ihre benachteiligten Mitstreiter aus den unterworfenen Distrikten aufbegehren. Das System als Ganzes muss verändert werden. Zu dieser finalen Kraftanstrengung jedoch kommt es im ersten Teil noch nicht (was dem Zielpublikum überwiegend klar sein dürfte).
Die – sonst meist bipolare - Trennung der dramaturgischen Sphären in Welt und Gegenwelt ist hier dreigeteilt. Es gibt das erbärmliche Dasein in den Distrikten, wo die Handlung beginnt und endet; es gibt die dekadente Gegenwelt der Reichen und Gelangweilten im Kapitol; und es gibt schließlich die gnadenlos tödliche Jagd im Wald, wo die Jugendlichen einander abzuschlachten genötigt werden.
Hier muss Katniss eine Vielzahl von Loyalitätskonflikten und Koalitionen bestehen. Sobald sie um ihr Leben kämpft, muss sie mit Menschen und Gefühlen taktieren. Da ist die Beziehung zum zunächst abgelehnten Peeta (Josh Hutcherson), die zwischen echtem Gefühl und vorgetäuschter Loyalität pendelt. Da sind zwei Mentoren, Haymitch (Woody Harrelson) und Minna (Lenny Kravitz), derer Zuwendung sie sich nie sicher sein kann. Da ist aber vor allem auch die Episode, in der sie mit der kleinen Rue (Amandla Stenberg) paktiert und menschliche Nähe entsteht. Ein besonderer Leckerbissen des ‘human factor’ besteht darin, dass sie gemeinsam mit Peeta Selbstmord begehen will, um nicht allein überleben zu müssen, und somit die Spielregeln aushebelt. Damit fordert sie den Zorn der Führungsclique um Snow (Donald Sutherland) heraus – und provoziert die filmische Fortsetzung… Denn so, wie Teil 1 endet, kann es nicht bleiben.
Denn über all diesen Bindungen und Koalitionen schwebt beständig die Frage: “wie kann es Katniss gelingen, sich aus der Ohnmacht gegenüber dem allmächtigen System zu befreien?” Dem Publikum wird diese Frage erst in Teil 2 und 3 der Trilogie beantwortet werden (was die meisten Leser der Romane natürlich längst wissen).
Letztlich ist also der vorliegende Film nur ein Vorgeschmack auf das, was kommen muss: die Auflehnung gegen das System.
DIE TRIBUTE VON PANEM - THE HUNGER GAMES
Originaltitel: The Hunger Games
USA 2012
Regie: Gary Ross
Drehbuch: Suzanne Collins, Gary Ross
Basierend auf dem Roman The Hunger Games von: Suzanne Collins
Darsteller: Jennifer Lawrence, Liam Hemsworth, Josh Hutcherson, Elizabeth Banks, Woody Harrelson, Stanley Tucci, Donald Sutherland, Willow Shields, Isabelle Fuhrman, Amandla Stenberg, Alexander Ludwig, Toby Jones, Lenny Kravitz, Wes Bentley, Leven Rambin u.v.a.
Die konkrete Markteinschätzung wird also weit weniger von der konkreten Gestalt des vorliegenden Film bestimmt, als vom generellen Hype, den das Buch ausgelöst hat. “Die Tribute von Panem” sind zweifellos Mainstream-Kino im Millionenbereich. Allerdings ist die Begrenzung des Zielpublikums wohl noch schärfer als im Falle der “Twilight”-Saga, weil die Schwellenangst gegenüber der Gewalt doch größer sein dürfte. Und der Wohlfühl-Charakter deutlich geringer…
Insofern wird man am deutschen Markt von Werten ausgehen können, die deutlich unter der ersten Verfilmung von “Biss zum Morgengrauen” (knapp 3 Millionen in 2009) liegen. Wir rechnen am Ende mit einem Ergebnis von ca. 1,6 – 1,8 Millionen.
Dramaturgie- und Markteinschätzung: Roland Zag
Anmerkung zu dieser Besprechung:
Der Publikumsvertrag
Drehbuch, Emotion und der »human factor«