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Gegen die Gummiwand der Ignoranz

AG DOC Thesenpapier zum Mainzer Mediendisput

Donnerstag - 19. April 2012 - 10:05

Die renommierte medienpolitische Diskussionsreihe MainzerMedienDisput thematisierte am gestrigen Mittwoch den Stellenwert der dokumentarischen Sendeformen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm AG DOK war Partner der gut besuchten Veranstaltung und stellt als Auswertung acht Thesen und medienpolitische Forderungen auf: 1. Was das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland seinen Zuschauern als Dokumentarfilm präsentiert, bildet die Wirklichkeit unseres Landes nicht mehr vollständig ab. Schon die Themenwahl wird vom Quotendenken regiert. Vermeintlich "schwierige" und damit wenig quotenversprechende Inhalte finden immer seltener den Weg ins Programm oder werden in Randzonen deportiert.


2. Künstlerische Handschriften sind kaum noch gefragt. Monotones Formatfernsehen, oftmals 1:1 von privaten Anbietern kopiert, setzt bis in das Programm der Kulturkanäle hinein die ästhetischen Standards.

3. Der öffentlich-rechtliche Funktionsauftrag, die Diskursnotwendigkeit eines Themas oder das gesellschaftliche Informations-Bedürfnis treten als Kriterien der Programmgestaltung in den Hintergrund, statt dessen dominieren Marketing-Gesichtspunkte und ökonomische Überlegungen. Die Programmverantwortlichen haben offenbar den inneren Kompass für die Erfüllung dieses Auftrags verloren. Die Deutungshoheit der Wirklichkeit geht allmählich von den Programm-Mitarbeitern auf Betriebswirte, Controller und Technokraten über.

4. Auch die Zuweisung der Finanzmittel folgt diesem Denken. Nicht der gesellschaftliche Nutzen, nicht die kulturelle Bedeutung und auch nicht der tatsächliche Finanzbedarf einer Sendung, sondern allein der vermeintliche "Marktwert" entscheidet über die Richtung der senderinternen Geldströme. Während Günter Jauchs Talkshow der ARD rund 4500.- Euro pro Minute "wert" ist, steht für einen langen Dokumentarfilm oft nur ein Zehntel dieser Summe zur Verfügung.

5. Diese Unterschiede sind weder durch den Programmauftrag noch durch die Rundfunkfinanzierung zu rechtfertigen. Die Finanzierung durch die Allgemeinheit verpflichtet den öffentlich-rechtlichen Rundfunk dazu, "unabhängig von der tatsächlichen Nachfrage, unabhängig von Einschaltquoten und einer Ausrichtung der Sendungen auf den Publikumsgeschmack" zu arbeiten. So beschreibt es das Gutachten, das die Umstellung von der Rundfunkgebühr zur Haushaltsabgabe begründet, und es warnt vor einer „Erosion der Identifizierbarkeit öffentlich-rechtlicher Programme". Sie droht, wenn "das Rundfunkprogramm zunehmend auf Massenattraktivität ausgerichtet wird".

6. Ungeachtet der seit Jahren anhaltenden, teils wohlmeinenden, teils massiven Kritik ist keine Änderung erkennbar. Im Gegenteil: die beschriebene Misere hat sich weiter verschärft, Kritiker werden als altmodische Minderheit beschimpft.

7. Das System scheint aus sich selbst heraus kaum reformierbar. Eine Änderung ist nur möglich, wenn die Nutzer und Finanziers des öffentlich-rechtlichen Rundfunks eine Kurskorrektur erzwingen. Die Aufsichtsgremien sind aufgerufen, ihre Kontrollfunktion wirksam wahrzunehmen und sich von ihrer Philosophie des Co-Managements zu verabschieden. Ein ermutigendes Signal sehen wir in den jüngsten Erklärungen des WDR-Rundfunkrats.

8. Wir fordern daher:
- Die Rückgewinnung der thematischen, künstlerischen und finanziellen Freiheit dokumentarischer Programme im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.
- Die kostendeckende Finanzierung dieser tragenden Säule des öffentlich-rechtlichen Programmauftrags.
- Die Programmverantwortlichen sind aufgerufen, konstruktiv auf die vielfältig formulierte Kritik der Öffentlichkeit und engagierter Medienpolitiker einzugehen und sie nicht länger gegen die Gummiwand der Ignoranz laufen zu lassen.
- zehn Prozent der zukünftigen Haushaltsabgabe sollen nicht den bestehenden Rundfunkanstalten zugewiesen werden, sondern in einen Fonds fließen, der auf vielfältige Weise eine kritische Medienöffentlichkeit fördert.
Wenn das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem sich weiterhin von der Kritik seiner Nutzer und Zielgruppen abschottet, verliert es seine Existenzberechtigung und stirbt den Wärmetod.



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