Frage von Versöhnung und Bestrafung HOT!In ihren Augen |
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Donnerstag - 18. November 2010 - 15:22
Im Grund ist der Ausgangspunkt des Oscar-Gewinners von 2010 ein banaler Krimi-Plot: ein Vergewaltiger wird gesucht. Die besondere Intensität, die diesen Film auszeichnet, ist dabei keineswegs durch die Suche nach dem Täter definiert. Denn der ist relativ schnell gefunden. Es gibt zwei viel wichtigere Aspekte, die für JEDEN Film von Wichtigkeit sind, hier jedoch zu besonderer Reife gebracht werden: die thematische Einheitlichkeit und die gewaltige Rolle, die menschliche Beziehungen dabei spielen.
Das Thema des Films kreist beständig um die Frage von Versöhnung und Bestrafung. Der Vergewaltiger wird zwar gefasst, dann aber aus politischen Gründen frei gelassen. Er ist ein verabscheuungswürdiger Mensch, der aber ungestraft seiner Tätigkeit als Killer nachgehen kann. Wie gehen Opfer damit um? Diese Fragestellung hält den Film ununterbrochen bis zur Schlusspointe in Gang. Vor allem die politische Dimension dabei ist aufregend. Natürlich erahnt man auch die historische Dimension, weil Argentinien in den 80er-Jahren tatsächlich ein Land mit verbrecherischer Justiz war.Diese soziale Relevanz hilft.
Genauso wichtig ist aber auch die Rolle, die die menschlichen Beziehungen spielen. Denn “In ihren Augen” entpuppt sich dann – recht spät – auch als Liebesfilm. Zwischen BENJAMIN (Ricardo Darin) und IRENE (Soledad Villamil) entsteht im Lauf der beruflichen Arbeit eine immer größere Nähe. Sie überträgt sich aufs Publikum in dem Maß, in dem beide ihre Kooperation intensivieren. Man erkennt daran: die erfolgreiche Darstellung von Liebe und Erotik im Film ist stets an ein Projekt gebunden. Je mehr die beiden sich für ein und dieselbe Sache einsetzen, desto mehr wird klar, dass hier mehr im Spiel ist als professionelles Interesse. Gerade die atemberaubende Szene, in der Benjamin und vor allem Irene den Vergewaltiger überführen, schweißt die beiden im Empfinden des Zuschauers zusammen.
Doch auch die Freundschaft zum Säufer SANDOVAL ist von größter Wichtigkeit. Denn am Ende stellt sich heraus, dass sich Sandoval gegenüber einem Erschießungskommando als Benjamin ausgegeben hat. Dadurch hat er sich selbst geopfert und den Freund gerettet. Dies ist natürlich die größtmögliche Form von “Beitrag für andere”. Die Wucht der emotionalen Wirkung beeinflusst das Gesamtbild nochmals erheblich.
Hinzu kommt die Schlusspointe, die wirklich nicht verraten werden darf, aber eben gerade im Sinne der oben genannten thematischen Einheit den Film ganz zwingend zu Ende bringt. Auch sie weist wieder auf eine Beziehung hin: eine der bizarrsten, traurigsten, hoffnungslosesten Beziehungen, die überhaupt denkbar sind.
Denkt man nun an deutsche Versuche im ähnlichen Genre (wie etwa an “Das letzte Schweigen”), wird offenbar, wie stark dort vor allem das Element der Beziehung gefehlt hat. “In ihren Augen” hingegen wurde dank der genannten Qualitäten zum Welterfolg.
IN IHREN AUGEN
(El secreto de sus ojos)
Argentinien, Spanien 2009
Regie: Juan José Campanella
Drehbuch: Juan José Campanella, Eduardo Sacheri
Basierend auf dem Roman La pregunta de sus ojos (2005) von: Eduardo Sacheri
Darsteller:
Ricardo Darín
Soledad Villamil
Pablo Rago
Javier Godino
Guillermo Francella
u.v.a.
Fotos: © Camino
MARKTPROGNOSE:
Sieht man vom Oscar ab, hat der Film äußerlich gar nichts zu bieten. Noch dazu handelt er von einer nicht allzu attraktiven Klientel ( bejahrte Justizbeamte in einem fremden, ausgesprochen unattraktiv dargestellten Land). Er muss allein durch seine innere Stimmigkeit das Publikum finden. Dennoch wird “In ihren Augen” noch lange laufen und innerhalb des kleinen, aber gut informierten Arthouse-Publikums vergleichsweise gute Zahlen schreiben. Das bedeutet, dass 60-80.000 Zuschauer unbedingt drin sein sollten – wenn nicht mehr. Denn der Film setzt Maßstäbe. Und so etwas spricht sich herum.
Dramaturgische- und Markteinschätzung: Roland Zag
Anmerkung zu dieser Besprechung:
Der Publikumsvertrag
Drehbuch, Emotion und der »human factor«
2., überarbeitete Auflage
2010, 200 Seiten, br.
ISSN 1617-951X5
Im Zentrum des Interesses steht die Analyse der zwischenmenschlichen Verhältnisse - Es handelt sich bei unseren Besprechungen NICHT um Filmkritiken.
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