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An emotionaler Dichte kaum zu überbieten

HOT!
Das Konzert

Samstag - 07. August 2010 - 19:00

Das Drehbuch weist eine beträchtliche Komplexität auf. Viele kleine Details wären vielleicht nicht nötig gewesen – aber sie werden weitestgehend zu Ende erzählt, was eine erhebliche Leistung darstellt. Was die schiere Kunst der Behandlung von Haupt-und Nebensträngen und Verästelungen angeht, ist die Vorlage für “Das Konzert” auf höchstem Niveau angesiedelt.



Der Trailer zu DAS KONZERT:





Doch auch der ‘human factor’ wird sehr handlungsbestimmend und wirkungsvoll eingesetzt. Zunächst, in Moskau, steht das Gemeinschaftsgefühl im Vordergrund: der Versuch, ein längst in alle Winde zerstreutes Orchester wieder zusammenzubringen, führt zu einer stetig wachsenden Zahl von Beteiligten, Problemen, Hoffnungen und Enttäuschungen. Hier liegt eine große Stärke in der sozialen Fülle.

Doch auch die Empathie für Benachteiligte wird stimuliert: die Auflösung des Orchesters im Jahr 1980 war eine bittere Ungerechtigkeit, weil der Dirigent FILIPOW (Alexej Guskow) sich weigerte, antisemitischen Verfolgungen nachzugeben. Hier steht die Wiederbegegnung mit seinem damaligen Feind GAWRILOW (Valeri Barinow) im Vordergrund, die auch eine teilweise Rehabilitierung und Annäherung nach sich zieht, welche auch wieder zwischenmenschlich befriedigend wirkt.

Wichtig ist auch die ideelle Ebene: da ist einerseits Filipow ganz von der Macht der Musik besessen – und diese Besessenheit tritt am Ende immer mehr in den Vordergrund (vielleicht eine Spur zu viel, das ist Geschmackssache). Da ist aber auch die Sache der alten Kommunisten selbst, deren ideeller Glaube an die Richtigkeit der Idee ernst genommen und damit aufgewertet wird. All diese Elemente helfen dem Film enorm, das Publikum in Bann zu ziehen.

Der eigentliche Witz, dem die vielen komischen Szenen sich verdanken, ist der “culture clash”: da das völlig chaotische, überbordende und disziplinlose russische Orchester – hier der französische Hochglanz. Indem die beiden Welten so himmelschreiend weit auseinander klaffen, entfaltet sich die Wirkung von “Schein und Sein” ganz zwangsläufig. Niemand in Frankreich ahnt, dass das angebliche Bolschoi-Orchester in Wahrheit nur ein Haufen längst aus der Übung gekommener Gelegenheitsmusiker ist. Dieser Gegensatz ist genuin komisch und wird weidlich ausgenutzt.

In Paris dann treten allerdings andere Ebenen des Drehbuchs in den Vordergrund und ziehen eine viel ernstere Tonalität nach sich. Auch sie zielen auf den ‚human factor‘, allerdings auf individueller Ebene. Die Wundergeigerin Anne-Marie Jacquet (Mélanie Laurent) verdankt nämlich dem Dirigenten Filipow viel mehr, als sie ahnt. In diesem Erzählstrang tritt die Loyalitätsebene der Familie extrem in den Vordergrund. Anne-Marie erfährt, woher sie wirklich stammt. Durch diese Aufdeckung der Wahrheit samt sozialem Zuwachs entsteht eine gewaltige emotionale Energie (repräsentiert durch die Rückblenden).

Hier schwenkt der Film in ein hohes Pathos, das vielleicht in der Tonalität nicht immer mit der burlesken Außenwelt zusammenpassen mag – aber dafür zwischenmenschlich äußerst intensive Momente von Geben und Nehmen zeitigt. Anne-Marie erfährt nicht nur die Wahrheit. Sie wird auch dessen gewahr, wie viel Hilfeleistungen sie und ihre Eltern in ihrem Leben empfangen haben. Aus der Farce wird hier ein echtes persönliches Drama mit gutem Ausgang.

Sehr gelungen ist dann auch der Coup, dass sich die chaotisch verstreuten Musiker, denen gar nicht an einem Auftritt gelegen ist, dann doch durch eine SMS vereinen lässt: “Tut es für Lea”. Das Motiv ” Beiträge für andere” wird hier stark und wirkungsvoll betont.

Die eigentliche erzählerische Pointe des Films besteht darin, diese beiden Ebenen in dem abschließenden (allerdings sehr langen) Konzert zu vereinen. Am Anfang steht noch die pure Komik, wenn Orchestermusiker zu spät kommen und die ersten Töne sich wahrhaft erbärmlich anhören. Doch es ist das Spiel der Geigerin – und durch ihr Spiel hindurch ihre innere seelische Intensität der menschlichen Verbundenheit! – welche das Spiel des Orchesters auf höchstes Niveau katapultiert. Die emotionale Dichte ist kaum zu überbieten. Selten wurde im Film eine solch gelungene Verschmelzung von menschlicher Backstory und ideellen Werten gesehen. (Am ehesten ist man an “Wie im Himmel” erinnert, ein Film, der Ähnliches erreicht, allerdings viel weniger Komik aufweist und insofern geschlossener wirkt).

Unterm Strich ist “Das Konzert” eine sehr gewagt, äußerst bunt durchmischte Ballung von ‘human factor’-Elementen. Dass hier ernstere Blicke auf die historische Situation in Moskau dem puren Klamauk geopfert werden, wird man aus Publikumssicht verschmerzen. Insgesamt sind die Voraussetzungen für einen großen Publikumserfolg also prinzipiell sehr gut. Insofern ist anzunehmen, dass der Film allein durch Mundpropaganda weit kommen und lange laufen wird – wenn auch vermutlich nicht annähernd so gut wie “Wie im Himmel”.
Dramaturgische Einschätzung: Roland Zag


DAS KONZERT
Originaltitel: Le concert
Frankreich 2009
Laufzeit: 119 Minuten

Buch: Radu Mihaileanu, Alain-Michel Blanc, Matthew Robbins Regie: Radu Mihaileanu

Darsteller:
Dmitri Nazarov
Alexї Guskow
Mélanie Laurent
François Berléand
Miou-Miou
Lionel Abelanski
Roger Dumas
u.v.a.
Fotos: © Concorde Film

Markteinschätzung:

Die Kombination aus musikalischem Thema und großen Gefühlen bedient weitverbreitete Publikumsbedürfnisse einer älteren und gebildeten Schicht. Wenn es sich um einen Film handelt, der sowohl in Artouse-Kinos als auch in Multiplexen gespielt werden kann, sind in solchen Fällen sogar siebenstellige Zuschauerzahlen durchaus möglich. Doch das ist bei „Das Konzert“ nur in Frankreich möglich gewesen und für die Auswertung in den deutschen Kinos unrealistisch. Zudem muss man einschränkend sehen, dass die Thematik Moskau-Paris aus deutscher Sicht arg weit weg wirkt, und das Publikum für klassische Musik offen sein muss.

Das Versprechen aufgrund des Trailers und der erfolgversprechenden Kombination ist für ein vorrangig weibliches Publikum in den Art- oder Einzelhäusern dennoch günstig. Mélanie Laurent ist als weibliche Hauptrolle in Quentin Tarantinos „Inglorious Basterds“ von mehr als zwei Millionen Menschen in Deutschland gesehen worden und insofern ein ernst zu nehmender Publikumsfaktor – sowohl für die Freunde des französischen Kinos als auch für Begleiter, die ansonsten eher nicht in einen Film wie „Das Konzert“ gehen würden. Die Herausbringung durch den momentan stärksten unabhängigen Verleiher in Deutschland – Concorde-Film – mit 150 Kopien hat keinen Überraschungserfolg gebracht, aber wird dem Film vorerst Platz 1 der Arthouse-Charts sichern. Da „Inception“ zu deutlich mehr als der Hälfte Männern gefällt, kann die französische Koproduktion ganz gut daneben existieren. Richtige Dauerläufer- und Durchbruchseffekte sind aber nicht mehr zu erwarten. So gesehen ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das Endergebnis zwischen 175.000 und 250.000 liegen wird.

Markteinschätzung: Norbert Maass


Anmerkung zu dieser Besprechung:

Der Publikumsvertrag
Drehbuch, Emotion und der »human factor«

2., überarbeitete Auflage
2010, 200 Seiten, br.
ISSN 1617-951X5

Im Zentrum des Interesses steht die Analyse der zwischenmenschlichen Verhältnisse - Es handelt sich bei unseren Besprechungen NICHT um Filmkritiken
.


Link: Offizielle Website
Link: Roland Zag: Der Publikumsvertrag

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