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Optische Eigenwilligkeit

HOT!
Le Havre

Donnerstag - 15. September 2011 - 19:51

Der ‘human factor’ des Films sticht sofort ins Auge. Fast überreich sind die Elemente des sozial Befriedigenden: von der Benachteiligung des bettelarmen, aber stolzen MARCEL (André Wilms) über die herzbewegende Ehe mit ARLETTY (Kati Outinen) bis hin zur Hilfeleistung an dem hilflos in Frankreich gestrandeten Afrikaner IDRISSA (Blondin Miguel). Auch der Gemeinschaftsfaktor mit Bäckersfrau, Bardame und Gemüsehändler befriedigt. Kein Zweifel: “Le Havre” erfüllt auf der Beziehungsebene alle Wünsche. Doch hier beginnen auch Probleme.



Der Trailer zu LE HAVRE:




Denn die Reibungslosigkeit, mit der der Film eine doch eher unwahrscheinliche Geschichte voller Wunder erzählt, mag zwischendurch zur Langeweile oder Unglaubwürdigkeit führen. Die antagonistische Kraft, die durch den ermittelnden Kommissar MONET (Jean-Pierre Darrousin) ausgeht, ist bescheiden. Nur kurz vor Schluss entsteht hier wirkliche Spannung. Ansonsten streift die Leichtigkeit, mit der Marcel sich bei Immigranten aus Afrika nach Idrissas Eltern durchfragt, doch die Grenze zur Verharmlosung.

Hingegen kann der Film durch seine optische Eigenwilligkeit wieder punkten. Denn “Le Havre” spielt in einem seltsam undefinierten Universum, das von starken Farben lebt, aber vollständig anachronistisch wirkt. Mal telefonieren die Menschen mit zeitgemäßen Mobiltelefonen, mal ist man technisch in der Steinzeit. Auch die Fahrzeuge hinterlassen ein uneinheitliches Bild. Letztlich entsteht so der Eindruck eines ganz und gar unzeitgemäßen Kinos, das sich an alten Modellen orientiert und gar keinen Anspruch auf soziale Glaubwürdigkeit erhebt. Man mag dazu stehen, wie man will: der Alleinstellungsfaktor ist groß, und das mehrheitlich ältere Publikum wird sich am langsamen Tempo eher erfreuen.

LE HAVRE
Finnland, Frankreich, Deutschland 2011

Regie und Drehbuch: Aki Kaurismäki
Darsteller:
Jean-Pierre Léaud
Kati Outinen
Jean-Pierre Darroussin
Evelyne Didi
André Wilms
Elina Salo
Miquel Brown
u.v.a.
Fotos: © Pandora


Markteinschätzung:

“Le Havre” ist also ein Film, der in seiner Zeitlosigkeit und dem allzu reibungslosen ‘human factor’ auf ein sehr spezielles Wohlfühl-Arthouse-Publikum zielt und dieses gewiss auch erreicht. Hinzu kommt das Renommée des Regisseurs, der eine ausgesprochene Fangemeinde hat. Dies alles zusammen müsste für Werte um die 100.000 Zuschauer und mehr reichen.

Dramaturgie- und Markteinschätzung: Roland Zag


Anmerkung zu dieser Besprechung:

Der Publikumsvertrag
Drehbuch, Emotion und der »human factor«

2., überarbeitete Auflage
2010, 200 Seiten, br.
ISSN 1617-951X5

Im Zentrum des Interesses steht die Analyse der zwischenmenschlichen Verhältnisse - Es handelt sich bei unseren Besprechungen NICHT um Filmkritiken
.


Quelle: the-human-factor.de



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