Der Film startet unter zwiespältigen Voraussetzungen. Einem gewaltigen medialen Vorab-Interesse (immerhin ist Helmut Dietl eine der wenigen Regie-Ikonen Deutschlands) stehen negative, zum Teil verheerende Kritiken entgegen. Rein dramaturgisch betrachtet, wird sofort klar, worin der vom Feuilleton kritisierte Mangel besteht: ZETTL erzählt seine Geschichte eigentlich nur zur Hälfte. Zwar wimmelt es vor haarsträubenden Plot-Einfällen. Doch die zentrale Kraft, die eine Story erst spannend und packend machen kann (egal in welchem Genre) fehlt: das antagonistische Prinzip. Echte Konflikte existieren hier eigentlich kaum. In ZETTL steht buchstäblich Nichts auf dem Spiel.
Der Trailer zu ZETTL
Alle Intrigen und Machenschaften verlaufen perfekt reibungslos. Keiner neidet dem skrupellosen Max (Bully Herbig) den Erfolg, niemand will ihn zu Fall bringen, keiner arbeitet gegen ihn, und die Öffentlichkeit scheint auch noch den haarsträubendsten Unsinn widerstandslos hinzunehmen.
Auch in Max’ Charakter gibt es keinerlei Zugehörigkeitskonflikt – obwohl der ja eigentlich nahe läge. Den Aufstieg vom subalternen Chauffeur zum Medienstar verkraftet er, als wäre das gar nichts, und auch der finale Fall zurück tut nie weh. Er hat keine Freunde von früher, kein Umfeld, keine Bindung. Auch seine Freundin Verena (Karoline Herfurth) hat wenig Problem, zwischen einem proletarischen Dasein und der Überfluss-Gesellschaft hin- und her zu schalten. Die Chemie zwischen Max und Verena will sich nie einstellen, weil es keinen Austausch gibt.
Das gilt mehr oder weniger für alle Beteiligten. Selbst wenn man die Gesetze der Satire und schwarzen Komödie mit berücksichtigt, zu denen ZETTL ja zählt, kann Spannung nur entstehen, wenn sich polar entgegengesetzte Kräfte oder Wertesysteme gegenüber stehen. Sie wären in diesem Fall sogar gegeben, wenn man Max als Charakter ernst nähme. Aber der Film beschränkt sich fast ausschließlich aufs Erzählen von zerebral ausgedachten Plots, in denen alles glatt läuft und letztlich jede Figur dasselbe will: ihren eigenen Vorteil ohne Rücksicht auf Verluste. Sie werden fast im Übermaß geliefert: plötzlich auftauchende verlorene Kinder, unbemerkt sterbende Bundeskanzler, Selbstmorde, Geschlechtsumwandlungen – jedes Thema für sich schon mehr als abendfüllend. Im Feuerwerk der Einfälle jedoch bleiben die Figuren und ihre Konflikte komplett auf der Strecke. Sozial bedingte Emotionen finden praktisch nicht statt – in rudimentären Ansätzen vielleicht gerade noch zwischen Mona (Senta Berger) und Herbie (Dieter Hildebrandt).
Selbstverständlich liefert die Umsetzung eine Menge mehr oder weniger reizvolle Details. Doch das Grundgefühl, einer spannungsarmen Nummernrevue beizuwohnen, ist aufgrund der Reibungslosigkeit unausweichlich und wird dem Film sicherlich zu schaffen machen.
ZETTL
Deutschland 2012
Regie: Helmut Dietl
Drehbuch: Helmut Dietl, Benjamin von Stuckrad-Barre
Darsteller:
Michael Herbig
Karoline Herfurth
Senta Berger
Dieter Hildebrandt
Götz George
Dagmar Manzel
Ulrich Tukur
Gert Voss
Sunnyi Melles
Hanns Zischler
Christoph Süß
Katy Karrenbauer
u.v.a.
ZETTL bietet der Markteinschätzung eine harte Nuss. Die Faktoren sind ebenso stark wie widersprüchlich. Auf der Haben-Seite steht natürlich das Interesse am Star-Regisseur Helmut Dietl, ja sogar ein klein wenig der ebenfalls bekannte Co-Autor v.Stuckrad-Barre. Dazu kommt das Star-Ensemble, das seinesgleichen sucht und teilweise auch herausragende Leistungen bringt. Hinzu kommt ein nostalgischer “Must See”-Effekt für all die, denen KIR ROYAL das herausragende TV-Ereignis der 80er-Jahre im Gedächtnis geblieben ist – und das sind sehr viele. Die üppige Werbung des Verleihs tut ein Übriges. Und das Verlangen des Publikums nach Komödien ist enorm.
Das wichtigste und am schwersten einschätzbare Element ist der Zeitgeist. Gerade ein Film wie ZETTL muss den Nerv der Gegenwart treffen. Vieles spricht dafür, dass gerade dies nicht gelungen ist.
Zusätzlich muss man sehen, dass ZETTL ein weitgehend nostalgisches Unterfangen ist und einem jüngeren Publikum wohl nur bedingt zusagt. Die Starpower von Bully Herbig ist nach HOTEL LUX angekratzt, allerdings könnte der Schauspieler in seinem angestammten Terrain der Komödie wieder punkten. Die schlechten Kritiken stehen einem echten Markterfolg jedoch ebenso entgegen wie die oben ausführlich beschriebenen dramaturgischen Schwächen des Films, der nie wirklich Tempo aufnehmen kann, weil ihm Entscheidendes abgeht – was sich in der Mundpropaganda niederschlagen dürfte. Zuletzt startet ZETTL auch in eine Zeit mit wirklich starker Konkurrenz.
Insofern muss man mit durchwachsenen bis wirklich enttäuschenden Ergebnissen rechnen. Dietls vorletzter Film VOM SUCHEN UND FINDEN DER LIEBE, ein weit unzugänglicheres, schwereres Lehrstück wurde 2005 von immerhin knapp 600.000 Zuschauern gesehen. Diese Zahlen kann ZETTL mit viel Glück wieder erreichen, aber wohl nicht übertreffen. Sollte sich die bereits eingesetzte Negativ-Werbung der enttäuschten Dietl-Fans allerdings schnell herumsprechen (manches spricht dafür), kann ZETTL auch noch ein wirkliches Desaster von 200.000 – 300.000 Zuschauern werden.
Dramaturgie-und Markteinschätzung: Roland Zag
Bitte nicht vergessen: “Prognosen sind schwer, vor allem für die Zukunft” (K.Valentin)[/B]
Anmerkung zu dieser Besprechung:
Der Publikumsvertrag
Drehbuch, Emotion und der »human factor«