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Romantische Culture-Clash-Komödie

HOT!
TÜRKISCH FÜR ANFÄNGER - DER FILM

Montag - 19. März 2012 - 12:32

Extreme (Konflikt)-Situationen sind gut geeignet, um das soziale Grundgefüge einer Figurenkonstellation noch stärker zur Geltung zu bringen. Im Überlebenskampf einer kleinen Gruppe, die auf einer unbekannten und gefährlich erscheinenden Insel gestrandet ist, offenbaren sich die Charaktere in allen Unterschieden und Gemeinsamkeiten besonders wirksam. Durch die permanente Mangelsituation ist eine ständige Spannung vorhanden und jede Verweigerung von Kooperation bedeutet unmittelbar Konflikt. Völlig unterschiedliche Fernsehformate wie „Dschungelcamp“ oder „Lost“, aber auch viele Katastrophen- und Near-Future-Filme profitieren von dieser dramaturgischen Prämisse.


Der Trailer zu TÜRKISCH FÜR ANFÄNGER - DER FILM



Dass sie auch für eine romantische Culture-Clash-Komödie eine ergiebige Ausgangssituation schaffen kann, beweist Bora Dogtakin mit seinem Kinodebüt – einem Prequel zu seiner eigentlich auserzählt wirkenden TV-Serie „Türkisch für Anfänger“. Bei einer drastischen Notwasserung auf dem Flug nach Thailand werden Leg Schneider (Josefine Preuß) und Cem Öztürk (Elyas M’Barek) sowie dessen Schwester Yagmur (Pegah Ferydoni) und der Costa (Arnel Taci) aus dem Flugzeug geschleudert, während Lenas Mutter Doris (Anna Stieblich) sowie Cems Vater Metin (Adnan Maral) weiterfliegen. Die unverschuldete Benachteiligung durch die Trennung kann für eine notwendige Grundversorgung mit Empathie sorgen.

Auf der äußerlich traumhaft idyllischen Insel werden die vier unterschiedlichen Charaktere buchstäblich zur Bindung gezwungen. Das über alle Kontraste hinweg erzeugte Gemeinschaftsgefühl sorgt für ein positives Grunderleben und günstige zwischenmenschliche Voraussetzungen. Vor allem die Beziehung zwischen Lena und Cem steht von Anfang an unter großer emotionaler Spannung, da der Kontrast zwischen ihnen kaum schärfer sein könnte. Die verklemmte, gebildete und emanzipierte Lena muss mit dem sexistischen, ungebildeten und chauvinistischen Macho kooperieren. Der Konflikt ihrer entgegen gesetzten Werte und Haltungen kann sich herrlich komisch entfalten. Lenas pedantische und feine Belesenheit sowie seine pragmatische und freche Lebenslust bilden die Pole, zwischen denen die Funken mit hoher Frequenz hin und her fliegen. Die Betonung dieser zentralen Beziehung verhilft dem Projekt zu einem klaren Zentrum.

Durch den Überlebenskampf werden die beiden Protagonisten innerhalb der Gruppe zu einem spannungsreichen Geben und Nehmen und damit zu einer kontinuierlichen Annäherung gebracht. Auch wenn sich eigentlich alle Gefahren im Nachhinein als viel harmloser als zunächst gedacht herausstellen, sorgen sie doch zunächst für effektvolle Spannungsdramaturgie. Cem rettet Lena mehrmals aus gefährlichen Situationen, pflegt liebevoll ihr allergisch angeschwollenes Gesicht, nutzt ihren Rauschzustand nicht sexuell aus und sorgt schließlich entscheidend dafür, dass es Lena gelingt, ihre Verklemmtheit abzubauen. Im Gegenzug ist es ihrem kontinuierlichen Kontra zu verdanken, dass er seinen Egoismus überwindet, sozialer wird und schließlich sogar Tolstoj liest. Die Transformation der beiden Protagonisten wirkt dabei nicht nur positiv und wunschgemäß für das Publikumserleben, sondern steckt auch die Figuren um sie herum an.

Dazu trägt auch die entscheidende Ebene des Films – der Humor – bei. Ihre selbstbewusst feministische Schlagfertigkeit findet auf jeden seiner politisch unkorrekten Machowitze eine Antwort. Ihr Austausch auf dieser Ebene ist nicht nur höchst vergnüglich, sondern macht auch ein starkes Grundverständnis der beiden Kontrahenten in dieser Hinsicht deutlich. Auch wenn der Film keine große Glaubwürdigkeit anstrebt und keine überzeugende emotionale Tiefe erreicht, kann er im Bereich physischer, szenischer und verbaler Komik mehr als ausreichende Treffer landen, um zu einem Millionenerfolg zu werden.

TÜRKISCH FÜR ANFÄNGER - DER FILM
Deutschland, USA 2012

Regie: Bora Dagtekin
Drehbuch: Bora Dagtekin, Andy Raymer
Produktion: Christian Becker, Marie Rechberg, Lena Schömann
Bildgestaltung: Torsten Breuer
Montage: Charles Ladmiral
Darsteller: Katja Riemann, Elyas M'Barek, Frederick Lau, Josefine Preuß, Nick Romeo Reimann, Jaymes Butler, Pegah Ferydoni, Adnan Maral, Günther Kaufmann, Anna Stieblich, Arnel Taci, Katharina Kaali u.v.a.
Fotos: © Constantin


Markteinschätzung:

Filme wie ALMANYA oder WHAT A MAN haben in den vergangenen Monaten gezeigt, wie selbstverständlich und breitenwirksam inzwischen auf humorvolle deutsch-türkische Geschichten und Elemente reagiert wird. Was vor einigen Jahren noch Markthindernisse bedeutete, hat sich in sein Gegenteil verkehrt. Im frechen und politisch unkorrekten Culture Clash liegen große Publikumspotentiale. Deshalb sind die Voraussetzungen im Kino für TÜRKISCH FÜR ANFÄNGER günstiger, als sie es in den Jahren der TV-Serie waren. Dazu trägt auch bei, dass Elyas M’Barek inzwischen durch zahlreiche markante Rollen eine weibliche Fangemeinde in mittlerer bis hoher sechsstelliger Höhe aufgebaut hat.

Einschränken wäre vielleicht zu vermerken, dass das Publikumsinteresse an einem Kinofilm, der ein bekanntes TV-Format weiterführt, nicht zwingend gegeben sein muss. Allerdings gibt es hier auch Gegenbeispiele.

Aus unserer Sicht sind die Aussichten gut, dass das Debüt von Bora Dagtekin die Millionengrenze deutlich überschreiten wird. Wir sehen letztlich Zahlen um die 1,8 Millionen erreichbar.


Bitte nicht vergessen: “Prognosen sind schwer, vor allem für die Zukunft” (K.Valentin)

Dramaturgie- und Markteinschätzung: Norbert Maass


Anmerkung zu dieser Besprechung:

Der Publikumsvertrag
Drehbuch, Emotion und der »human factor«

2., überarbeitete Auflage
2010, 200 Seiten, br.
ISSN 1617-951X5

Im Zentrum des Interesses steht die Analyse der zwischenmenschlichen Verhältnisse - Es handelt sich bei unseren Besprechungen nicht um Filmkritiken
.


Quelle: the-human-factor.de



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