Der große Erfolg des deutschen Schriftstellers Daniel Kehlmann lässt es kommerziell sinnvoll erscheinen, seine Werke auch auf die große Leinwand zu bringen. Detlev Buck führt Regie bei der Verfilmung seines weltweiten Bestsellers „Die Vermessung der Welt“, Wolfgang Becker arbeitet an „Ich und Kaminski“ und Isabel Kleefeld hat sich „Ruhm“ vorgenommen. Die Adaption der relativ lose verbundenen Episoden ist als erste aus dem Reigen der Kehlmann-Filme fertig geworden und fokussiert sich auf sechs Erzählstränge. Das Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen episodischen Geschichten besteht darin, dass sich dabei Figuren begegnen, die aus verschiedenen Realitätsebenen kommen: der fiktiven Handlung und der Buchform.
Der Trailer zu RUHM:
1) Der Techniker Ebling (Justus von Dohnányi) erhält aufgrund einer Kurzschlussmanipulation die Mobilnummer eines anderen Teilnehmers (des Schauspielers Ralf Tanner, wie sich später herausstellt) zugewiesen. Besonders die Anrufe von verschiedenen Frauen verführen ihn, das routinierte Leben mit seiner Frau Elke (Johanna Gastdorf) zu vernachlässigen, um das Leben anderer zu manipulieren.
2) Der berühmte Schauspieler Ralf Tannet (Heino Ferch) wird mit seinem Imitator verwechselt und findet durch die Begegnung mit Nora (Ursula Strauss) Gefallen an einem normalen Leben, während der Imitator sein Leben einnimmt und ihm den Weg zurück versperrt.
3) Der erfolgreiche Schriftsteller Leo Richter (Stefan Kurt) schlägt sich auf einer Lesereise mit normalen Problemen herum, während ein Kollege seiner Freundin Elisabeth (Julia Koschitz) entführt und von den Geiselnehmern umgebracht wird.
4) Eine erfundene Romanfigur von Leo Richter, die krebskranke Rosalie (Senta Berger) wehrt sich lange vergeblich gegen die Sterbehilfe in der Schweiz und darf schließlich deutlich jünger am Leben bleiben.
5) Die erfolglose Schriftstellerin Maria Rubinstein (Gabriela Maria Schmeide) begibt sich als Ersatz für Leo Richter auf eine Pressereise nach Askisistan und wird von ihrer Reisegruppe getrennt, während ihr Ehemann Klaus (Thorsten Merten) sie zu Hause betrügt.
6) Der internetsüchtige Mollwitz (Axel Ranisch) verliert während einer Dienstreise seinen Job bei der Mobilfunkgesellschaft, weil ein Kollege von seinem Rechner aus Nummern vertauscht hat. Die zufällige Begegnung mit seinem Idol Leo Richter ist ein Fiasko, rettet aber Rosalie das Leben.
Es wird deutlich, dass es zahlreiche rational-logische Verbindungen zwischen den Strängen und bestimmte Identitätskonflikte einzelner Figuren gibt. Für das filmisch-emotionale Erleben liegt allerdings eine erhebliche Einschränkung dadurch vor, dass die Figuren wenig Anteil an dem Schicksal anderer nehmen und die Verknüpfungen auf der Beziehungsebene kaum wirksam werden. Das hängt zum einen damit zusammen, dass im Grunde genommen überhaupt keine emotional starke Beziehung wirkungsvoll und konfliktreich gestaltet wird: Ebling bleibt die ganze Zeit über allein und die Beziehung zu seiner Frau spielt keine Rolle; Tanner verliert seinen Assistenten Ludwig (Matthias Brandt), ohne dass eine neue Beziehung zu Nora erlebbar wird oder eine substantielle Auseinandersetzung mit dem antagonistischen Imitator stattfindet; Richter nimmt am Leben seiner Freundin und seiner Figuren wenig Anteil und bekommt vom tragischen Schicksal Rubinsteins nichts mit; Rosalie bleibt auf ihrer Reise zum Sterbehilfeverein nach Zürich ebenfalls auf sich gestellt; Maria Rubinstein wird in Zentralasien total isoliert.
Am stärksten vermittelt sich noch im Fall von Mollwitz eine starke ideelle Bindung an die Literatur, die sich darin wirksam äußert, dass ihm die Begegnung mit Richter wirklich viel bedeutet und er das vorgesehene Ende für Rosalie wirklich nicht ertragen kann. Die Verwüstung des Hotelzimmers zeigt, dass es ihm im Gegensatz zu den meisten anderen Figuren in „Ruhm“ wirklich um etwas geht. Es schwächt dagegen andere potentiell dramatische Geschichten wie die von Elisabeth oder Maria, dass sie zwar nachvollziehbar tragisch sind, aber kaum oder gar nicht von wesentlichen Bezugspersonen geteilt werden und sich damit auch den Zuschauern kaum filmisch wirksam vermitteln. Der Austausch wird entweder aus Angst, eine Romanfigur zu werden, oder wegen technischer Probleme blockiert.
Da es insgesamt zwar viele sachliche Verknüpfungen, aber wenig emotional bewegenden Austausch in den Episoden gibt, bleibt das zwischenmenschliche Erlebnis im unterdurchschnittlichen Bereich. Eine maßgebliche Wunschentwicklung wird in den meisten Episoden kaum erzeugt und führt kaum zu positiven Erfüllungen. Auch das trägt zu einer stark eingeschränkten emotionalen Wirkung bei.
Ruhm
Deutschland, Schweiz, Österreich 2012
Buch und Regie: Isabel Kleefeld
Basierend auf dem Roman Ruhm von: Daniel Kehlmann
Produktion: Tom Spiess, Sönke Wortmann
Bildgestaltung: Rainer Klausmann
Montage: Andrea Mertens
Musik: Annette Focks
Darsteller: Senta Berger, Heino Ferch, Julia Koschitz, Stefan Kurt, Thorsten Merten, Gennadi Vengerov, Axel Ranisch, Gabriela Maria Schmeide, Justus von Dohnányi, Matthias Brandt, Johanna Gastdorf, Ursula Strauss, Peter Bamler, Hartmut Becher, Lina Beckmann
MARKTEINSCHÄTZUNG:
Die Vorlage von Daniel Kehlmann hat sich in mittleren sechsstelligen Größenordnungen verkauft. Nicht bei allen Lesern dürfte sich allerdings zwangsläufig der Wunsch einstellen, die grundsätzlich ähnlichen Verbindungen zwischen den Episoden noch mal zu entschlüsseln. Dafür bietet die Verfilmung zu wenig emotionalen Zugewinn. Obwohl die attraktive Besetzung insgesamt ebenfalls eine mittlere sechsstellige Schnittmenge ergeben könnte, sehen wir die Zuschauererwartung aufgrund des ungünstigen Wirkungsgefüges deutlich darunter. Vor fünf Jahren erzielte die ähnlich gelagerte Verfilmung von Kurzgeschichten Judith Hermanns NICHTS ALS GESPENSTER 64.000. Im Normalfall würden wir letztlich zwischen 40.000 und 60.000 Kinobesucher für RUHM erwarten. Angesichts des Frühlingseinbruchs könnten die Zahlen aber aktuell noch deutlich geringer ausfallen.
Dramaturgische und Markteinschätzung: Norbert Maass
Anmerkung zu dieser Besprechung:
Der Publikumsvertrag
Drehbuch, Emotion und der »human factor«