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Kritische Knackpunkte bleiben aus

HOT!
RUSSENDISKO

Mittwoch - 04. April 2012 - 22:13

Das Buch von Wladimir Kaminer war ein Bestseller und ist immer noch in aller Munde. Der Gedanke, es zu verfilmen, liegt also nahe. Gleichzeitig verlangt die kleinteilige, episodische Erzähltechnik Kaminers vom Drehbuchautor eine eigenständige Herangehensweise. Eine zusammenhängende, dramatisch erzählte Story im eigentlichen Sinne ist in der Vorlage zunächst nicht zu erkennen. Sie muss also erst dazu erfunden werden. Im vorliegenden Fall wurde – sicherlich mit Recht – ein Trio aus drei Freunden in den Mittelpunkt gestellt. Wladimir (Matthias Schweighöfer), Mischa (Friedrich Mücke) und Andrej (Christian Friedel) kommen 1990 nach Deutschland, um sich hier auf abenteuerliche Art und Weise durchzuschlagen und – mit einer Ausnahme – auch hier zu bleiben.


Der Trailer zu RUSSENDISKO:



Dadurch ergibt sich ein grundsätzlich höchst wirkungsvoller Zugehörigkeitskonflikt in drei Variationen:

Mischa verliert als einziger Nicht-Jude die Aufenthaltsgenehmigung und müsste eigentlich nach Russland zurück – er will aber unbedingt in Deutschland bleiben (was die Drei zwischenzeitlich in die Illegalität treibt).

Andrej hingegen fühlt sich in Deutschland nicht wohl. Er will unbedingt zurück, doch die anderen wollen ihn nicht ziehen lassen. (Seine angebliche Besessenheit von einem Geist verliert sich allerdings im Nirgendwo).

Wladimirs Freundin Olga (Peri Baumeister) wiederum will unbedingt nach Moskau – was es aus seiner Sicht zu verhindern gilt. Die alles beherrschende Frage lautet also für alle drei: „Bleiben oder Gehen?“

Innerhalb des Trios besteht hier eine theoretisch konfliktreich angelegte Symmetrie. Das Thema „Zugehörigkeit“ bietet rein theoretisch wie immer großartige Voraussetzungen. Und indem die Bindung der Freunde untereinander unantastbar ist, stellt sich immer wieder ein befriedigender Gemeinschaftsfaktor ein. Die Loyalität ist unbestritten. Das garantiert dem Film eine grundsätzlich freundliche, beinahe zärtliche Ebene des Miteinanders, welches die angestrebte mainstream-taugliche Wunscherfüllung garantiert.

Doch gleichzeitig finden die angesprochenen Konflikte auf der Ebene der Zugehörigkeit in der konkreten filmischen Umsetzung eigentlich kaum statt. Denn indem die drei russischen Protagonisten von deutschen Schauspielern verkörpert werden, bleiben die kritischen Knackpunkte: Integration, kulturelle Ausgrenzung, Ausländerfeindlichkeit, Einsamkeit, Unverständnis usw. aus. Das Trio scheint sich – ganz entgegen der Erwartung – im fremden Deutschland binnen kürzester Zeit perfekt zu integrieren. Und dabei auch noch viel Spaß zu haben. Denn die drei Freunde reden ja laut Drehbuch perfekt deutsch. Sprachprobleme, kulturelle Unverträglichkeiten, Missverständnisse gibt es keine. Obwohl genau genommen fast keine Deutschen vorkommen, stellt sich beim Publikum das Gefühl einer kulturellen Reibung gar nicht ein. Die vorgeblich dargestellten Russen sind auf der Leinwand sind ja perfekt integriert! Also wo ist das Problem?

Der wichtige Gegensatz von Welt und Gegenwelt ist also nur theoretisch.

RUSSENDISKO ist durch diese Nivellierung der kulturellen Unterschiede ein höchst konfliktscheuer (und irgendwie unglaubwürdiger) Film geworden, der nur selten und gleichsam nebenbei echte Wertekonflikte und damit echte Spannung erzeugt. Die kleinen Reibereien mit den Vietnamesen sind bald beseitigt, Mischas Problem mit der Ausweisung schnell durch einen jüdischen Rabbi gelöst, und was bleibt, ist die allerdings zu Herzen gehende Täuschung, mit der Hanna (Susanne Bormann) in eine Scheinehe gelockt werden soll. Ihre Enttäuschung und die daraus sich ergebenden Verwerfungen sorgen sehr spät für den einzig echten Konflikt.

Wladimir vor allem – als eigentlicher Protagonist – bleibt gegenüber dem Hauptthema „Bleiben oder Gehen?“ eigentümlich unbeteiligt. Die Frage nach der eigenen Zugehörigkeit beschäftigt ihn gar nicht. Selbst wenn seine Freundin Olga zurück nach Moskau will, geht er wenig auf deren Sehnsüchte ein. Ja sogar noch als sich die Eltern in Deutschland niederlassen wollen, reagiert er kaum auf die Frage, ob das eine gute oder schlechte Idee ist. Der Film tut so, als gebe es den Unterschied zwischen Deutschen und Russen gar nicht. Das ist schon erstaunlich.

Insofern läuft RUSSENDISKO trotz seiner vielen sympathischen, die Männerfreundschaft preisenden Aspekte am eigentlichen Konfliktfeld vorbei. Die spannende Frage, wie sich drei kulturell völlige Fremde schmerzhaft in einer fremden Umgebung eine neue Identität finden müssen, stellt sich praktisch nicht. Jene Kraft des „Culture Clash“, die beispielsweise in Filmen wie MARIA, IHM SCHMECKTS NICHT oder auch aktuell TÜRKISCH FÜR ANFÄNGER steckt, kann sich hier kaum entfalten. Insofern sind doch erhebliche Defizite zu erkennen. Sie stecken in der Anlage des Drehbuchs, und setzen sich in der Umsetzung bzw. der Besetzung der Russen durch Deutsche fort. Im Markterfolg wird sich diese Einschränkung mit Sicherheit bemerkbar machen.



Russendisko
Deutschland 2012

Buch und Regie: Oliver Ziegenbalg
Basierend auf dem Roman Russendisko von: Wladimir Kaminer

Darsteller: Matthias Schweighöfer, Rainer Bock, Waldemar Kobus, Susanne Bormann, Christian Friedel, Pheline Roggan, Friedrich Mücke, Imogen Kogge, Yung Ngo, Peri Baumeister, Kathrin Angerer, Jule Böwe, Tyron Ricketts, Christian Wewerka, Felix Goeser
Fotos: © Paramount Pictures



MARKTEINSCHÄTZUNG:

Der Name des Protagonisten Matthias Schweighöfer allein hat im Augenblick eine enorme, sich wohl immer noch steigernde Zugkraft. Sein Mitwirken allein sichert dem Film eine Attraktivität, die Hunderttausende von Zuschauer(inne)n anlocken dürfte und auch noch durch die inzwischen offen ausgetragene Rivalität mit Til Schweiger genährt wird.

Die Zusammenarbeit mit Friedrich Mücke hat sich bereits in FRIENSHIP bewährt (der Film hatte etwa 1,6 Millionen Zuschauer), und wird durch die Mitwirkung von Christian Friedel, der in DAS WEISSE BAND ebenfalls auf starke Resonanz traf, noch aufgewertet.

Das Buch von Wladimir Kaminer wurde ein Bestseller, und der Autor ist selbst ein Star des literarischen Kulturlebens, was sicherlich hilfreich ist. Vom Autor und Regisseur Oliver Ziegenbalg hingegen geht keine unmittelbare Marktrelevanz aus.

Und doch ist der Hype um das Buch RUSSENDISKO grundsätzlich bereits vorbei, und eine aktuelle Relevanz weist die Thematik kaum mehr auf. Der nostalgische Blick auf die 90er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts dürfte sich vornehmlich Menschen über 40 erschließen – und die gehören schon nicht mehr zum eigentlichen Zielpublikum.

Der Film ist also – vom Hauptdarsteller abgesehen – stark auf seine eigene Dynamik angewiesen. Und diese weist Defizite auf. Zwar erzeugt die ausgiebig eingesetzte Musik zusammen mit den sympathischen Figuren und dem Gemeinschaftsgefühl sicherlich ein Feelgood-Ambiente. Die wirklich mitreißende Mundpropaganda, der „Must-See“-Effekt aber wird sich für viele Zuschauer kaum einstellen. Dazu ist die Konfliktlinie der Dramaturgie zu schwach und die Innenspannung zu gering. Insofern kann es leicht sein, dass der Film gerade in der ersten zu erwartenden Gut-Wetter-Periode des Frühlings die Millionengrenze trotz Matthias Schweighöfer doch deutlich verfehlt. Aus unserer Sicht sind Werte von 600.000 - 700.000 am ehesten wahrscheinlich.


Dramaturgie- und Markteinschätzung: Roland Zag


Anmerkung zu dieser Besprechung:

Der Publikumsvertrag
Drehbuch, Emotion und der »human factor«

2., überarbeitete Auflage
2010, 200 Seiten, br.
ISSN 1617-951X5

Im Zentrum des Interesses steht die Analyse der zwischenmenschlichen Verhältnisse - Es handelt sich bei unseren Besprechungen NICHT um Filmkritiken
.


Quelle: the-human-factor.de



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