Im Prinzip folgt der Film dem Grundschema “Aschenputtel trifft auf Prinz” – wenngleich mit vertauschten Geschlechterrollen: Colin (Eddie Redmayne), der unbedeutende dritte Regieassistent einer teuren Filmproduktion, wird mit einem mal in die unmittelbare Umgebung des umjubelten Superstars Marilyn (Michelle Williams) gespült. Er gewinnt das Vertrauen der verunsicherten Diva und darf sich für ein paar Stunden als ihr Liebhaber fühlen. Dieses Prinzip ist elementar wirksam. Aus der Rolle des Durchschnittsmenschen zu schlüpfen, um bei den “Ganz Großen” mitspielen zu dürfen – diese Phantasie kennt wohl jeder. Insofern bedient der Film ein universales Bedürfnis.
Der Trailer zu MY WEEK WITH MARYLEEN:
Letztlich bedienen sich auch große Blockbuster dieses Prinzips, wenn etwa Superhelden wie Spiderman oder Batman vom gewöhnlichen Loser zum Überflieger mutieren. Der Culture Clash zwischen gewöhnlichen Durchschnittsmenschen und Superstars garantiert die Spannung.
Dabei tut sich MY WEEK WITH MARILYN lange Zeit schwer, den grundsätzlichen Hauptkonflikt zu finden. Denn Colin ist zunächst ja nur ein kleines Rädchen. Die zentrale Konfliktlinie, der Wertegegensatz schält sich erst langsam heraus: der männliche Hauptdarsteller und Regisseur Larry (Kenneth Branagh) will seinen Film möglichst schnell abdrehen. Ihm liegt nicht viel am Produkt. Marilyn aber steigert sich in ihre Rolle, sie will das Bestmögliche liefern, braucht viel Zeit und gerät dadurch in persönliche Krisen, die zum Abbruch des Films führen könnten.
In dieser Situation kommt nun dem unschuldigen und loyalen Colin eine wichtige Funktion zu. Seine Intervention, sein Sich-Kümmern um die verunsicherte Marilyn ist nicht nur erotisch brisant. Es liegt eine gewaltige Verantwortung auf seinen Schultern. Er kann das Projekt zum Gelingen, aber auch zum Scheitern bringen, und davon hängt viel ab. Die Fallhöhe ist eigentlich gewaltig: es wäre möglich, dass Marilyns Ehemann Arthur Miller (Dougray Scott) hinter die Affaire kommt und einen Krach anzettelt, der sofort in aller Munde wäre; es ist denkbar, dass Marilyn den Film abbricht, es könnte aber auch zum Zerwürfnis zwischen Colin und ihr kommen.
An diesem Punkt allerdings vollzieht sich eine gelinde Enttäuschung, denn es passiert – gar nicht viel. Marilyn gibt Colin ganz freundlich den Laufpass, und er trollt sich artig. Wir begegnen hier wieder der fatalen Falle des passiven Protagonisten, der alles mit sich machen lässt. Das ist von Nachteil.
Verglichen mit den Absturzmöglichkeiten ist die Landung des Films sehr glimpflich, harmlos und damit dramaturgisch kaum ergiebig.MY WEEK WITH MARILYN entpuppt sich schlussendlich als Sturm im Wasserglas, wo der durchaus mögliche emotionale Tiefpunkt einer “Feelgood”-Philosophie geopfert wird.
Damit soll aber nicht unterschlagen werden, dass der Film in seinen stärksten Momenten – nämlich der Beziehung zwischen Marilyn und Colin – durchaus in der Lage ist, den zentralen Konflikt der umjubelten Diva zu schildern. Der Riss, der sich durch ihre Persönlichkeit zieht, wird sehr schön deutlich: die Monroe schwankt beständig zwischen dem Wunsch, durch Höchstleistungen der ganzen Welt zu gefallen, und dem genau gleich großen Wunsch, ein ganz normales, gewöhnliches, geliebtes Mädchen zu sein. Dieser unlösbare Widerspruch ist für Glanz und Elend ihres Daseins verantwortlich. Ihre ungewöhnliche Präsenz als Schauspielerin erklärt sich darin genau so sehr wie ihre desaströse Dünnhäutigkeit. Allein diese innere Spannung deutlich gemacht zu haben, muss man dem Drehbuch dann doch hoch anrechnen. Darin dürfte letztlich die Attraktivität des Films liegen, dem man trotz gewisser Harmlosigkeit Marktchancen durchaus zutrauen darf.
MY WEEK WITH MARYLIN
UK, USA 2011
Regie Simon Curtis
Drehbuch Adrian Hodges
Produktion David Parfitt, Harvey Weinstein
Musik Conrad Pope
Kamera Ben Smithard
Schnitt Adam Recht
Darsteller:
Michelle Williams: Marilyn Monroe
Eddie Redmayne: Colin Clark
Kenneth Branagh: Laurence Olivier
Judi Dench: Sybil Thorndike
Emma Watson: Lucy
Zoë Wanamaker: Paula Strasberg
Dougray Scott: Arthur Miller
Dominic Cooper: Milton Greene
Julia Ormond: Vivien Leigh
Marilyn Monroe gehört ungebrochen zu den großen Mythen des 20. Jahrhunderts. Ein Interesse wird auf jeden Fall gegeben sein. Hinzu kommt die Herausforderung an die Schauspielerin: wird die (relativ unbekannte) Michelle Williams es schaffen, der Herausforderung, die unvergleichliche Diva zu spielen gewachsen sein? Hier liegt ein nicht geringer Reiz, allerdings auch keine wirklich zwingende Attraktivität.
Weniger Marktwirksamkeit wird man der Figur von Sir Laurence Olivier einräumen, der heute wohl in Deutschland kaum mehr bekannt sein dürfte. Auch Kenneth Branagh, der ihn spielt, ist hierzulande seit Längerem kein Star mehr. Zusatzeffekte wie die prominente Judy Dench werden ebenfalls am deutschen Markt wenig Bedeutung haben.
Bleibt also die Attraktivität des Films selbst. MY WEEK WITH MARILYN wird den Ansprüchen, die man an das Thema stellen mag, sicherlich gerecht. Das psychologische Portrait eines Superstars kommt gut zur Geltung, die Wunscherfüllung der Aschenputtel-Geschichte ist garantiert. Die letztlich wenig dramatische, ganz in der Harmlosigkeit bleibende Dramaturgie allerdings dürfte verhindern, dass sich eine wirklich mitreißende Mundpropaganda entwickelt.
Man wird also MY WEEK WITH MARILYN vielleicht mit Arbeiten wie dem Freud-Jung-Film EINE DUNKLE BEGIERDE vergleichen können – qualitätvollem internationalem Kino also, das historische Stoffe aufgreift. Verglichen mit dem ausgefeilten Drehbuch des Cronenberg-Films allerdings hat MY WEEK WITH MARILYN wieder schwächere Karten. Daher gehen wir in der aktuellen Situation von Werten von 100.000 bis 120.000 Zuschauern aus, also etwas weniger als der Hälfte vonEINE DUNKLE BEGIERDE .
Dramaturgie- und Markteinschätzung: Roland Zag
Anmerkung zu dieser Besprechung:
Der Publikumsvertrag
Drehbuch, Emotion und der »human factor«