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Eine grundsätzliche universelle Geschichte

HOT!
AUSGERECHNET SIBIRIEN

Donnerstag - 17. Mai 2012 - 14:26

Schon der Titel macht deutlich, mit welcher Haltung der Protagonist Matthies Bleuel (Joachim Król) in den Culture Clash mit den russischen Geschäftspartnern geht: verhalten, passiv, unentschieden, ohne klares Ziel. Sein Leben scheint nach der Trennung von seiner Frau Ilka (Katja Riemann) nur aus penibler Pflichterfüllung als Logistiker für seinen Arbeitgeber – einen Leverkusener Textilfabrikanten – und seinem Papagei zu bestehen. Daneben träumt er sich per Hörbuch in schamanische Kriegergeschichten. Aber nach Sibirien will er lieber nicht; sich dagegen zu wehren fehlt ihm allerdings der Mut und das Engagement. Sein persönliches Problem – das wird schnell deutlich – ist demnach mangelnde Entschiedenheit und mangelnde Treue zu sich selbst.


Der Trailer zu AUSGERECHNET SIBIRIEN:



Es dauert mit diesem passiven Charakter extrem lange, bis die Reise wirklich emotional in Fahrt kommt und in Spannung gerät. Bis dahin erweist sich der überkorrekte internationale Logistiker in der Fremde als erstaunlich unkompetent. Ohne die Zufallsbegegnung mit seinem russisch sprechenden Schulfreund Holger (Armin Rhode) wäre die Reise schnell zu Ende. Auch bei den ersten Begegnungen mit seinem Dolmetscher Artjom (Vladimir Burlakov) sowie den sibirischen Kolleginnen Galina (Zoya Buryak) und Natalja (Svetlana Tsvichenko) bleibt Matthias der zurückhaltende und gehemmte Spielverderber, der sich lieber in seine Tabellen flüchtet. Während er pflichtschuldigst sein „want“ in Form der beruflichen Zielsetzungen formuliert, verstehen diese zwar überhaupt nicht, was er ihnen sagen will, aber sein „need“ sofort: ihm fehlt eine Frau. Die anmaßende Heiratsavance durch die junge Natalja weist er nachvollziehbar zurück, aber sein Engagement für die mit viel Herz und Vodka agierenden Kollegen bleibt extrem reserviert.

Das auslösende Moment, das der Geschichte für einen Moment Leben einhaucht, ist die für Matthias nachhaltig eindrucksvolle Begegnung mit Sajana (Yulya Men). Ihr schamanischer Kehlkopfgesang imponiert ihm und verbindet sich auf geheimnisvolle, uns Betrachtern verborgen bleibende Art mit seiner Hörbuchgeschichte. Die ideelle Bindung wird als so stark gesetzt, dass er trotz eines unerfreulichen (aber nicht wirklich konflikthaften) Abschieds von seinen sibirischen Kolleginnen am Flughafen umkehrt und länger bleibt. Wie schwer ihm diese Entscheidung fällt, wird allerdings nicht deutlich. Zu wenig vermittelt sich der zugrunde liegende Zugehörigkeitskonflikt.

Bei der Fortsetzung seiner Reise geht er wenig empathisch vor: den homosexuellen Artjom bringt er seinem Vater gegenüber in Schwierigkeiten und auch dem Chauffeur sowie Ex-Mann von Sajana Vladik (Alexandr Garkushenko) gegenüber verhält er sich wenig rücksichtsvoll. Die dadurch ausgelösten Reiseschwierigkeiten wirken wie eine ausgleichende Gerechtigkeit für seine Anmaßungen. Aber immerhin hat die Reise nun ein klares Ziel vor Augen: das Wiedersehen mit Sajana. Das versetzt das ganze Projekt nun immerhin in eine verhaltene, weil einseitige Spannung. Und es gilt von nun an, einen Dreieckskonflikt auszuhalten und zu lösen, denn die Musikerin hat eine Tochter mit Vladik und scheint immer noch in einer unklar wirkenden Beziehung zu ihm zu stehen.

Emotional unklar bleibt vor allem die andere Seite von Matthias neuer Bindung: was und wen will Sajana? Hier liegt eine große Schwierigkeit hinsichtlich der Lösungsorientierung der Geschichte: auch wenn sie Matthias Rückkehr beeindruckt und sie ihn in ihrem Dorf ihrer schamanischen Mutter OLGA (Nesipkul Umarbekova) vorstellt, ihn später sogar in ihr Bett mitnimmt, ist sie klipp und klar überzeugt, dass sie nach Sibirien und Matthias nach Deutschland gehört. Eine stimmige Lösung des unterentwickelten, aber jetzt Fahrt aufnehmenden Zugehörigkeitskonflikts scheint in weiter Ferne.

Es gelingt dem Buch im abschließenden Teil nicht, die entscheidenden Schritte in den zwischenmenschlichen Prozessen zu erzählen und emotional wirksam werden zu lassen, die uns die Auflösungen wirklich glaubhaft spürbar werden lassen. Matthias Rückkehr nach Leverkusen zeigt uns nur, wie schwach die deutsche Seite des Zugehörigkeitskonfliktes aufgeladen ist. Aber welche Auseinandersetzungen, Verhaltensänderungen und Klärungen führen nun auf Sajanas und auch Artjoms Seite zu den jetzt immerhin aktiv betriebenen Lösungen von Matthias? Das wird nicht zum Ausdruck gebracht und somit wirkt das Ende nicht ausreichend befriedigend, sondern behält den Beigeschmack von stark einseitigen Entscheidungen. Gerade für das anspruchsvolle ältere Publikum kann das dazu führen, dass der Film nicht stark genug weiter empfohlen wird.

AUSGERECHNET SIBIRIEN
Deutschland 2012

Regie: Ralf Huettner
Drehbuch: Michael Ebmeyer

Darsteller:
Joachim Król
Vladimir Burlakow
Yulia Men
u.v.a.
Fotos © Majestic (FOX)



MARKTEINSCHÄTZUNG:

Den Traum vom Aufbruch in ein neues Leben teilen viele Menschen. Insofern erzählt „Ausgerechnet Sibirien“ eine grundsätzliche universelle Geschichte, die vor allem viele ältere Kinozuschauer erreichen kann. Die Buchvorlage „Der Neuling“ war kein großer Erfolg und dürfte deshalb keine Rolle als Zusatzfaktor spielen. Eher kommt noch zum Tragen, dass die Jungproduzentin Minu Barati die Frau von Joschka Fischer ist und somit auch immer wieder in der Presse steht. Die Bekanntheit von Joachim Król steht außer Frage, aber seine Wirkung auf den Kinomarkt ist schwer einzuschätzen. Vergleichbare Kinorollen wie in den Filmen „Zugvögel“ (1998; 420.000) oder „Die Stunde des Lichts“ (1998; 100.000) liegen zu lange zurück, sind aber auch nicht gänzlich aus der Erinnerung verschwunden. Es wird unserem Eindruck nach ganz entscheidend darauf ankommen, wie sehr der Film vom älteren Kinopublikum aufgenommen und weiter empfohlen wird. Die jüngeren Teile des großen Erfolgsfilms „vincent will meer“ (1,1 Millionen Kinozuschauer) des Regisseurs Ralf Huettner werden hier vermutlich zum größten Teil kein Interesse zeigen. Wir erwarten insgesamt schlussendlich 40.000 bis 60.000 Kinozuschauer für „Ausgerechnet Sibirien“.

Dramaturgie- und Markteinschätzung: Norbert Maass


Anmerkung zu dieser Besprechung:

Der Publikumsvertrag
Drehbuch, Emotion und der »human factor«

2., überarbeitete Auflage
2010, 200 Seiten, br.
ISSN 1617-951X5

Im Zentrum des Interesses steht die Analyse der zwischenmenschlichen Verhältnisse - Es handelt sich bei unseren Besprechungen nicht um Filmkritiken
.


Quelle: the-human-factor.de



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