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Shoppen

Kritik von Sonja M. Schultz / critic.de

Dienstag - 22. Mai 2007 - 10:55

Liebe in Zeiten des Kapitalismus bringt effiziente Formen der Partnersuche hervor. In seinem Spielfilmdebüt hat Ralf Westhoff das unromantische Ritual des Speeddating zu einer temporeichen Redekomödie verarbeitet.


Die Idee ist so gut, dass man sich fragt, warum nicht schon vorher ein Drehbuchautor darauf gekommen ist, aus dem Singlekarussell des Speeddating – der organisierten Kontaktaufnahme zu möglichst vielen Kandidaten im Fünf-Minuten-Takt – eine rasante Revue über Liebeserwartungen, Paarungsverhalten und Einsamkeit in Großstädten zu machen. Erst beim weiteren Nachdenken kommen die Einwände, die vermutlich auch jeder uninspirierte Fernsehredakteur hervorbringen würde: viel zu viel Personal für einen Film (ganze 18 Figuren sind es bei Shoppen), keine herkömmliche Dramaturgie, stattdessen eher komödiantische Nummernabfolge und nur episches Gerede über Liebe und Sex. Genau. Und genau das sind die bestechenden Stärken des Films, dessen Struktur so effektiv und abwechslungsreich ist wie das Prinzip der Dating-Dienstleistung, um die es hier geht.

Da sind zunächst die eineinhalb Dutzend gut unterscheidbaren Charaktere: der verkniffene Öko-Faschist, die sinnenfreudige Blondine, der gemütliche Koch, die Unentschiedene, die vor ihrer eigenen Hochzeit flieht, der potente Naturbursche, die überdrehte Plappertasche, der penible Unternehmensberater, die überforderte Krankenschwester ... In einem leeren, weißgetünchten Raum, platziert auf zwei sich gegenüberstehenden Stuhlreihen, werden sie aufeinander losgelassen: im ständigen Wechsel, kontrolliert von der Stoppuhr. Sie preisen sich an – „I bin a Designerstück. Haute Couture statt Wühltisch!“, erklärt der Hallodri im Nietenhemd –, sie flirten, sie beschimpfen sich, sie fühlen sich wie die Restposten auf dem Grabbeltisch. Es gibt Emotionsausbrüche und keinen Mangel an Pointen und Geständnissen: „Meine Treffen enden im Bett und nicht vor dem Fernseher“, beklagt die Rothaarige mit heimlichem Kinderwunsch: „Dabei wäre das alles, was ich mir wünsche.“

Das Singleleben hedonistischer Großstädter mit dem dauernden Cappuccino-Getrinke in Straßencafés, der rastlosen Jagd nach Sex beim gleichzeitigen Wunsch, die wahre Liebe zu finden und dem logischen Zielort jeder Beziehung im nächsten Ikea-Markt ist überall wiedererkennbar, sei es Berlin, Hamburg oder Köln. In Shoppen ist München die Stadt, über die es heißt, sie sei eine „Lebensfalle“ und ein „verdammtes Verhütungsmittel“. Die Probleme und Verhaltensweisen urbaner Singles ab Ende 20 sind jederorts die gleichen, aber deshalb noch keine Klischees – genausowenig wie die 18 verschiedenen Typen, die einander ideale Reibungsflächen bieten.

Shoppen Autor und Regisseur Ralf Westhoff hat für seine vielstimmige Partner-Parade nicht nur größtmögliche Gegensätze gewählt, sondern vor allem Schauspieler gefunden, die die Figuren mühelos glaubwürdig machen. Ein Großteil des Ensembles rekrutiert sich aus Münchner Theaterdarstellern, was gut zur Bühnentauglichkeit der Vorlage passt. Denn was tut man beim Speeddating? Reden, reden, reden. So gestaltet sich dann auch die gesamte erste Stunde des Films. Die Kamera zeigt dabei leicht variierte halbnahe Einstellungen ihrer Protagonisten: Schuss, Gegenschuss, manchmal über die Schulter gefilmt, ab und an eine Totale mit dem Rest der Gruppe im verschwommenen Hintergrund – „großes Kino“ gibt es nicht zu sehen, dafür bleibt alle Konzentration auf den Gesichtern, keine Details lenken ab. Das wird nicht eintönig, weil durchgehend Witz und Timing stimmen. Am Ende der Verpartnerungs-Tour-de-Force glaubt der Zuschauer tatsächlich, jeden einzelnen aus der Gruppe gut zu kennen und hat sich vermutlich schon überlegt, wem er selbst gern seine Telefonnummer geben würde. Einigen der Kandidaten wird in den letzten 30 Minuten des Films dann sogar noch ein echtes Date gegönnt – und nach dem ganzen Gerede on speed ein wenig spannungslösender Sex.

Shoppen, der bei seiner Premiere auf den letzten Hofer Filmtagen bereits ein Lacherfolg war, schaut man für den größtmöglichen Effekt am besten in einem vollbesetzten Kino in der Großstadt. Und geht danach mit einem Partner der Wahl Cappuccino trinken.




Zuerst erschienen auf critic.de


Shoppen
Deutschland 2006
90 Minuten

Regie: Ralf Westerhoff
Produzent(en): Florian Deyle, Martin Richter, Ralf Westhoff

Darsteller:
Sebastian Weber, Anna Böger, Felix Hellmann, Katharina Schubert, David Baalcke, Julia Koschitz, Martin Butzke, Kathrin von Steinburg, Matthias Bundschuh, Mediha Cetin, Thomas Limpinsel, Lisa Wagner, Oliver Bürgin, Julia Heinze, Stephan Zinner, Anja Klawun, Christian Pfeil, Tanja Schleiff

Kinostart: 3.5.2007

[SIZE=1]Fotos: © X-Verleih


Link: Offizielle Website
Link: critic.de

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