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Du bist nicht allein

Kritik von Birte Lüdeking / critic.de

Sonntag - 05. August 2007 - 14:37

Mit hervorragenden Schauspielern und leisen Zwischentönen erzählt Bernd Böhlichs sommerliche Tragikomödie von kleinen Gesten, größeren Sehnsüchten und einer stürmischen Midlife-Liebe in Zeiten der Arbeitslosigkeit. In den Hauptrollen Axel Prahl und Katherina Thalbach.


„Ihre wichtigste Waffe ist die Aufmerksamkeit!“ Und weil die ehemalige Wurstverkäuferin Frau Moll (Katharina Thalbach) ihre ausschließlich auf den neuen Job bei einem Wachdienst lenkt, bekommt sie vor lauter Stolz gar nicht mit, wie sich Herr Moll (Axel Prahl) im Ostberliner Plattenbau Hals über Kopf in die neue russische Nachbarin Jewgenia (Katerina Medvedeva) verliebt und diese trotz Geldebbe sogar mit einer Willkommenswaschmaschine zu umgarnen versucht. Währenddessen benötigt die auf der anderen Straßenseite lebende unterbeschäftigte Schauspielerin Sylvia Wellinek (Karoline Eichhorn) ihre volle Konzentration, um einen von ihr synchronisierten Zeichentrick-Frosch mit dem perfekten „Quak“ auszustatten. Ihr Mann Kurt (Herbert Knaup) ist aus dem gemeinsamen Haus in den Plattenbau gezogen und beschäftigt sich als arbeitsloser Physiker mit fast gar nichts. Außer damit, auf dem Balkon zu stehen und mehr als einen Blick zurück auf sein verloren gegangenes Leben zu werfen.

Du bist nicht allein ist ein (jahres-)zeitgemäßer Film. Er fängt eine gegenwärtige deutsche Realität am Beispiel der „kleinen Leute“ von nebenan wunderbar unspektakulär, fast beiläufig, aber nie belanglos ein. Und er spielt im Sommer, teilweise auf Balkonen, was ihm trotz der Schwere von Themen wie Arbeitslosigkeit oder Alkoholismus immer wieder eine beschwingte Leichtigkeit verleiht. Beides verbindet ihn mit Andreas Dresens Sommer vorm Balkon (2005), der die alltäglichen Sorgen und Sehnsüchte zweier Berliner Freundinnen zu warmen Temperaturen ähnlich unaufdringlich in Szene setzte und dabei punktgenau zum Ausdruck brachte.

Du bist nicht allein ist auch ein melancholischer Film, mehr aber ein optimistischer. Er stellt die Frage, ob man in der Mitte des Lebens, in der so manch einer auf der Stelle tritt, noch einmal die Kurve kriegen und eine vollkommen andere, unbekannte Richtung einschlagen kann. Und beantwortet sie mit „Ja“. Das kann eine neue Liebe oder eine neue Arbeit sein, die sich auch als unerwidert oder unbefriedigend herausstellen kann. Wichtig ist, dass man sich überhaupt auf die Reise begibt, dass man hofft und etwas wagt. Da ist es schon ein großer Schritt für Frau Moll, endlich Schwimmen zu lernen oder den überpräsenten Fernseher aus dem Fenster zu werfen – und dabei haarscharf den vorbeiflanierenden älteren Nachbarn mit Mops zu verfehlen. Der dies lediglich mit einem lakonischen „Wer sonst?“ kommentiert.

Der aus Dresden stammende, zweifach mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnete Autor und Regisseur Bernd Böhlich (Totes Gleis, 1994) hat bislang rund dreißig Fernsehfilme inszeniert. Zu diesen zählt auch Mutterseelenallein (2005), über eine Frau, die eine innere Hölle durchlebt, als ihr Sohn beschuldigt wird, ein junges Mädchen vergewaltigt und ermordet zu haben. Das Drama ist durchzogen von einer kompromisslosen seelischen und körperlichen Verzweiflung und Brutalität, in seiner radikal bedrückenden Atmosphäre also sehr konträr zu Du bist nicht allein. Obwohl gegensätzlich in ihrer Umsetzung, behandeln doch beide Werke den oft einseitigen Wunsch der Protagonisten nach Nähe und Kommunikation und ihre Angst, der Realität ins Auge zu blicken. Beide konstatieren, dass selbst Menschen, die man glaubt, in- und auswendig zu kennen, emotional weit entfernt und entfremdet sein können.

Böhlichs aktueller Film überzeugt dank seiner hochkarätigen Besetzung in vielen Szenen ohne jede Worte, einfach nur mit Blicken und Gesten. Wenn Axel Prahl als Herr Moll im Bett liegt und mit verträumten eisblauen Augen in die Kamera schaut, dann reicht das, um auszudrücken: Den Mann hat es hoffnungslos erwischt. Oder wenn er nicht weiß, wohin er gucken soll, weil der Hochhaus-Fahrstuhl, in dem er Jewgenia gegenüber steht, genauso eng ist, wie das Oberteil, das die von ihm Begehrte trägt. Mehr ist für eine erotische Spannung an einem an sich eher unromantischen Ort nicht nötig. Auch Herbert Knaup als Kurt Wellinek braucht lediglich zaghaft seine Hand nach den Haaren seiner Frau auszustrecken und sie kurz darauf wieder zurückzuziehen, um zu zeigen, dass er sie trotz Trennung immer noch liebt, aber weiß, dass dieser Zug vorerst für ihn abgefahren ist.

Die Tragikomödie schaukelt fein ausbalanciert zwischen heiter und traurig. In einer Szene wird Herr Moll dazu genötigt, vor Jewgenias russischer Familie ein Lied vorzutragen. Er wählt die

Roy-Black-Schnulze „Du bist nicht allein“, ein Lied über die Sehnsucht nach Liebe. Wirkt sein holpriger Gesang zu Beginn noch komisch, wandelt er sich im Verlauf, wird flüssiger, leidenschaftlicher und - mit einem heimlichen Blick auf die Angebetete - anrührend. „Es kann nicht noch mehr abwärts gehen“, heißt es einmal in Mutterseelenallein. Eine bittere Zustandsbeschreibung, die allerdings beinhaltet, dass es nur noch aufwärts gehen kann, hat man den Nullpunkt erst mal erreicht. Dass ein Neubeginn jederzeit, für jeden, eine Möglichkeit darstellt, ist die Vorstellung, die Du bist nicht allein mit auf den Weg gibt.




Zuerst erschienen auf critic.de


Du bist nicht allein
Deutschland 2007
90 Minuten

Regie: Bernd Böhlich
Drehbuch: Bernd Böhlich
Produzent(en): Katrin Schlösser

Darsteller:
Axel Prahl
Katharina Thalbach
Herbert Knaup
Karoline Eichhorn
Katerina Medvedeva
Mathieu Carrière
Victor Choulman
Leon Kessler

Kinostart: 19.7.2007

Fotos: © Neue Visionen


Link: Offizielle Website
Link: critic.de

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