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Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford

Kritik von Marcus Wessel / critic.de

Montag - 19. November 2007 - 18:26

Filmemacher Andrew Dominik betätigt sich als Pathologe. In seinem melancholischen Spät-Western seziert er die vielschichtige Beziehung der Outlaw-Legende Jesse James zu seinem Weggefährten und späteren Mörder Robert Ford.

Mit Legenden ist das so eine Sache. Zumindest für die Betroffenen bringt dieser Status nicht immer nur Annehmlichkeiten mit sich. Viele sterben jung und einsam wie Jesse James, einer der letzten Outlaws des Wilden Westens. Ob seines unbändigen Freiheitsdranges und seiner Unangepasstheit bereits zu Lebzeiten kultisch verehrt, war er bei den Familien seiner Opfer eine verhasste Persona non grata. Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford (The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford) versucht den Mythos beiseite zu schieben und der Person hinter der Legende auf die Spur zu kommen.

Nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkrieges herrschte in vielen Staaten eine instabile Ordnung, was sich Banditengruppen immer wieder zu Nutze machten. So auch die Brüder Frank und Jesse James, die sich später mit ihrem alten Freund Cole Younger zur berüchtigten James-Younger-Bande zusammenschlossen. Durch ihre zahlreichen Überfälle auf Banken, Postkutschen und sogar Züge sowie der Politisierung ihrer Aktionen – James galt als überzeugter Anhänger der Südstaaten-Konföderation – bauten sie sich schnell einen entsprechenden Ruf auf, der ihnen und ihren Verbrechen weit voraus eilte.

Hollywood arbeitete sich bereits in zahlreichen Filmen am Leben und Sterben des Jesse James ab. Wie in Philip Kaufmans Der große Minnesota-Überfall (The Great Northfield Minnesota Raid, 1972) und Walter Hills Long Riders (1980) standen dabei zumeist das Bandenleben und die spektakulären Überfälle der Brüder James im Mittelpunkt. Regisseur Andrew Dominik wählte für seine Verfilmung einen etwas anderen Ansatz. Sein Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Ron Hansen, der sich schwerpunktmäßig mit Jesse James’ zwiespältiger Beziehung zu seinem späteren Mörder Robert Ford (Casey Affleck) beschäftigt. Was hat diese beiden Männer verbunden? Was dachte der eine über den anderen und wie konnte es schließlich zu jener Tat kommen, für die Ford mehr Verachtung und Hass als Anerkennung und Zuspruch erfuhr?

Bereits die Besetzung der Freunde wie Gegenspieler Jesse James und Robert Ford mit Hollywood-Star Brad Pitt und Casey Affleck weckt hohe Erwartungen, immerhin haben beide zuletzt in äußerst schwierigen Rollen – Pitt in Babel (2006), Affleck in Gone Baby Gone (2007) unter der Regie seines Bruders – brilliert. Während Pitt längst als Charakterdarsteller etabliert ist, dürfte Affleck durch seine Darstellung von Robert Ford endgültig in die erste Garde Hollywoods aufrücken. Nicht nur, dass er dem solide aufspielenden Pitt die Schau stiehlt, ihm gelingt zudem das Kunststück, dem überlebensgroßen Jesse James die Person eines in sich verschlossenen, schüchternen und zweifelnden jungen Mannes entgegenzusetzen.

Nicht James, Ford ist hier die Identifikationsfigur. Dessen Verehrung für ein Ikon der amerikanischen Geschichte, seine ambivalente Beziehung zu einem mehrfachen Mörder, beleuchtet Andrew Dominik en detail. Sein Film scheut nicht davor zurück, die Psychologie seiner Protagonisten in aller Ausführlichkeit und auf über 150 Minuten auszubreiten, was sich nicht immer frei von Längen darstellt. Statt eines klassischen Western entpuppt sich Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford nämlich als hochkomplexes Charakterdrama, das nur zufällig dem Bild eines Westerns entspricht.

Mit Ausnahme eines Raubüberfalls, welcher jedoch recht schnell abgehandelt wird, widmet sich der Film nahezu ausschließlich der psychologischen Ebene der Geschichte. Dabei übernehmen die Gespräche zwischen Ford und James die Funktion des klassischen Showdowns als tragendes Spannungselement. Während der Bandenchef seinen jungen Bewunderer überlegen mustert und meist beängstigend freundlich und entspannt wirkt, versucht dieser gleichsam souverän dem großen Jesse James gegenüberzutreten. In diesen Sequenzen – und das macht ihre Qualität aus – ist das, was die Akteure über ihre Körpersprache von den Figuren preisgeben, von mindestens so großer Bedeutung wie jedes tatsächlich gesprochene Wort. Jederzeit, so hat es den Anschein, kann sich die Anspannung in einem tödlichen Schusswechsel entladen, können Verrat und Angst die Eskalation der nur auf den ersten Blick friedlichen Situation bewirken.

Dominik nimmt bewusst in Kauf, dass seine Adaption mit modernen Sehgewohnheiten nur schwer kompatibel ist und viele Zuschauer, die einen traditionellen Western sehen wollen, vor den Kopf stößt. Soviel Mut nötigt Respekt ab. Und tatsächlich entlässt einen der Film mit einer schweren Melancholie – nicht zuletzt dank der Kameraarbeit eines Roger Deakins, bei dem das verschneite Missouri zuweilen vor karger Schönheit zu bersten scheint –, aber auch mit dem Gefühl, insbesondere der Person Robert Ford erstaunlich nahe gekommen zu sein.





Zuerst erschienen auf critic.de



Fotos: © Warner Bros

Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford
(The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford)
USA 2007;
160 Minuten

Regie: Andrew Dominik
Drehbuch: Andrew Dominik
Produzent(en): Jules Daly, Dede Gardner, Brad Pitt, Ridley Scott, David Valdes

Darsteller:
Brad Pitt
Casey Affleck
Sam Rockwell
Mary-Louise Parker
Sam Shepard
Paul Schneider

Kinostart: 25.10.2007


Link: Offizielle Website
Link: Critic.de

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