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Sweeney Todd

Kritik von Welf Lindner / critic.de

Donnerstag - 06. März 2008 - 19:44

Splatter meets Musical: Tim Burton ist mit Sweeney Todd - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street eine kongeniale Verfilmung von Stephen Sondheims blutigem Broadway-Grusical gelungen.

In Vincent (1982), einem der ersten animierten Kurzfilme von Tim Burton, gibt es ein wunderbar harmonisches Zusammenspiel zwischen expressiven Stop-Motion-Bildern und einem lyrisch vorgetragenen Off-Kommentar. Jede Einstellung, jede Bewegung oder visuelle Textur steht im Einklang mit Rhythmus und Intonation des Voice-Over-Vortrages, so dass sich ein stark ausgeprägter Synergie-Effekt ergibt. Immer wieder kann man in Burtons Oeuvre ein kunstvolles Verweben von visuellen und musikalischen Strukturen zu einer Art Gesamtkunstwerk beobachten, von Vincent bis zu Bones, seinem ersten Videoclip, den er 2006 für die US-Rockband The Killers drehte.

Das Genre des Musicals steht Burton neben dem des Horrorfilms besonders nah, in seinen Animationsfilmen The Nightmare Before Christmas (1993) und Corpse Bride (2005) kombinierte er die beiden wesenskonträren Gattungen auf hocheffektive Weise. Das Reizvolle dieser ungewöhnlichen Genrevermählung liegt in der Kontrapunktierung von Elementen wie denen des Spielerischen, Bunten und Lebendigen, die traditionell eher dem Musical zugehörig sind, und solchen des Dunklen, des Todes und des Tabuhaften, die für den Horrorfilm kennzeichnend sind. Das gleiche dynamische Spannungsverhältnis findet sich in Sweeney Todd - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street (Sweeney Todd – The Demon Barber of Fleet Street), Tim Burtons erstem als Realfilm inszenierten Horror-Musical, das auf Stephen Sondheims epochalem Broadway-Hit von 1979 basiert.

Trotz fremder Vorlage ist dabei ein echter Burton entstanden, der einmal mehr die für den Filmemacher typischen Bezüge zum Makabren und Schauderhaften, zum Schwarz-Humorigen und Schwarz-Romantischen aufweist. Schauplatz der Geschichte ist das nebelverhangene London im 19. Jahrhundert. Sweeney Todd (Johnny Depp) kehrt nach fünfzehn Jahren Gefangenschaft in die Heimat zurück, um an seinem Widersacher Turpin (Alan Rickman) Rache zu üben. In seinem Amt als Richter hatte dieser den unschuldigen Sweeney einst in die australische Verbannung geschickt, das Leben von dessen Frau zerstört und sich der hinterbliebenen Tochter bemächtigt. Nachdem Sweeney vom Schicksal seiner Familie erfährt, tut er das, worauf er sich als Barbier am Besten versteht: Er greift zu seinen Rasiermessern und verpasst jedem, der seinem Vergeltungsschlag im Weg steht, eine blutige, letzte Rasur.

Sweeney Todd ist ein Film über Verzehrung. Verzehrt wird nicht nur der Protagonist durch seine unaufhaltsame Racheobsession, die sich tief in ihn hineingefressen hat und sein Innerstes aushöhlt bis er ebenso mechanisch, wie seelenlos agiert und darin an die Automaten der romantischen Schauerliteratur oder die Somnambulen des expressionistischen Kinos erinnert. Verzehrt wird auch Sweeneys Umwelt, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Denn nachdem Sweeney seinen Kunden mit dem Rasiermesser die Kehlen durchschnitten hat, öffnet sich in seinem Barbierladen eine Falltür durch die sie direkt in den Keller stürzen, um dort von Sweeneys Hausverwalterin Mrs. Lovett (Helena Bonham Carter) zu Fleischpastete verarbeitet zu werden, die sie im eigenen Backladen massenhaft unter die Leute bringt. Sweeneys Todesmaschinerie läuft wie am Fließband und beschert Mrs. Lovett den lang ersehnten Geldsegen. Auch sie ist eine der zahlreichen Verzehrten, von ihrem überzogenen Besitzstreben restlos aufgebraucht bis kein Quäntchen Anstand mehr in ihr steckt.


„Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“ Das Motto aus Brechts Dreigroschenoper (1928) könnte gleichfalls für Sweeney Todds korrumpierte Welt der alles verschlingenden Selbstsucht gelten. Ebenso wie in Brechts Stück, wird das vergangene England als Folie für ein satirisches Zerrbild der bürgerlich-kapitalistischen Gegenwart genutzt. In Sondheim/Burtons grausam-komischer Version des Industriezeitalters – Sweeneys teuflische Apparatur ist ein pervertiertes Produkt dieser Ära, die groteske Form einer Fabrik – wird der Mensch durch den Fleischwolf gedreht und endet als wehrloses Opfer des Konsums. Serienmord und Wirtschaftsboom gehen Hand in Hand. Burtons Film ist eine rabenschwarze Gesellschaftskritik, spöttisch und bitterböse, ein morality tale ohne Moralinsäure. Ein bisschen ähnelt er Mrs. Lovetts Fleischpasteten: sein erschreckender Gehalt steht im krassen Gegensatz zu dem ansonsten sehr dekorativen Erscheinungsbild.

Die mise-en-scène von Sweeney Todd ist ein Hochgenuss, stylish, visuell opulent, abgestimmt bis in die kleinsten Details. Als ehemaliger Grafikzeichner versteht es Burton, die Songs aus Sondheims Musical in seine eigenen, gotisch-expressionistischen Bilderwelten zu überführen und dem Ganzen dadurch eine individuelle Note zu verleihen. Burtons London des 19. Jahrhunderts lässt sich irgendwo zwischen Dickens und Hogarth verorten. Es ist ein klaustrophobisch anmutender Ort enger, schäbiger Kammern und verwinkelter Gassen, in deren Halbdunkel jederzeit etwas Zwielichtiges geschehen kann. Entsättigte Bilder lassen eine triste Welt aus Schwarz und Graublau entstehen, in die Tod und Gefühlskälte eingekehrt sind. Die Farbe, das Leben, die Liebe – die existieren hier nur in den idealisierten Erinnerungen und den kitschigen Sehnsuchtsfantasien der leichenblassen Bewohner. Oder in den roten Fontänen von Blut wenn Sweeney in Ekstase sein Messer schwingt.

Im Grunde ist Burtons Film ein Anti-Musical, soll heißen: er verkehrt die gängigen Genremuster und stellt die Konventionen auf den Kopf. Die üblichen Choreographien oder groß angelegten Tanznummern sucht man hier vergebens. Stattdessen inszeniert Burton die Songnummern auf geradezu intime Weise – oftmals in Großaufnahmen von ein oder zwei Figuren – und integriert sie weitgehend in den dramatischen Handlungsfluss. Die Gesangseinlagen werden durch Laien-Sänger wiedergegeben. Johnny Depp singt zum ersten Mal – und macht dabei keine schlechte Figur: seine Singstimme besitzt eine angenehme Klangfarbe, vor allem aber ist ihr eine emotionale Überzeugungskraft zu Eigen. Depp gelingt der schwierige Spagat zwischen Gesang und Schauspiel, er agiert durch die Songs, immer in character bleibend. Burton hat gut daran getan, seinen Film nicht mit Musical-Darstellern zu besetzen, deren theatralischem Spiel es häufig an psychologischen Nuancen mangelt wie man im Falle des misslungenen Phantom der Oper (2004) sehen konnte. Und so gelingt Tim Burton eine sehr filmgenuine und persönliche Musical-Adaption, die von den Spuren des Broadways entschlackt ist.

Einziger Wehrmutstropfen für Sondheim-Puristen dürfte die inhaltliche Straffung des Stückes sein. Die ursprüngliche Broadway-Aufführungsdauer von drei Stunden haben Burton und sein Drehbuchautor John Logan (Gladiator, 2000; Aviator , 2004) auf gut zwei gekürzt, so dass einige Charaktere und Songs in ihrer Version nicht vorhanden sind. Dennoch: Sweeney Todd ist die wohl überzeugendste Musical-Verfilmung seit langem.





Zuerst erschienen auf critic.de



Fotos: © Warner Bros

Titel: Sweeney Todd – Der teuflische Barbier aus der Fleet Street (Sweeney Todd)
USA 2007
Laufzeit: 116 Minuten

Regie: Tim Burton
Drehbuch: John Logan
Produktion: John Logan, Laurie MacDonald, Walter F. Parkes, Richard D. Zanuck

Darsteller:
Johnny Depp,
Helena Bonham Carter,
Alan Rickman,
Timothy Spall,
Sacha Baron Cohen

Kinostart: 21.02.2008


Link: Offizielle Website
Link: Critic.de

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